Vater

 

Diese Erfahrung – welch ein Fallen in Tiefen, ins Gestrüpp.

Suchen, kriechen in Brombeerdornen,

kein Ausweg, kein erkennbares Ziel.

Die Sonne über mir verheißt wärmende Geborgenheit,

doch lege ich mich hin, um auszuruhen, liege ich auf Dornen.

Sie weisen mich ab.

Sie tun mir weh.

 

Ich suche die Sonne und verstricke mich nur noch mehr.

Immer wieder lockt ein Schlupfloch,

um mich ins nächste Gestrüpp zu entführen,

in die nächsten Brombeerstauden;

süße Beeren, kratzendes Gestrüpp.

 

Aufrecht gehen wäre gut.

Das Kriechen führt mich nur in die Irre.

 

Wieder lockt mich das Licht einer lieben Seele.

Es ist kein Irrlicht, doch es erlischt zu früh.

Traurig kauere ich mich im Gestrüpp zusammen.

 

Da sehe ich einen anderen.

Er ruft mich nicht, steht nicht für mich da, sondern für die Seinen.

Ich richte mich auf und schaue, was er denn so macht:

Für die Seinen ist er da und für die gute Sache.

Ruhig ist er, sanft.

Ein Vater ist er, ein lieber Gefährte für seine Gefährtin.

Mehr will ich sehen von dieser schönen Welt

und folge ihm im Stillen.

Es tut gut zu sehen, was ich sehe.

Viele Schritte gehe ich, um das zu genießen,

diese schöne, gute Welt aus der Ferne.

 

Dann merke ich erstaunt, dass ich aufrecht gehe.

Kein Dickicht mehr, das mich verwirrt, verletzt.

Jetzt kenne ich das Ziel für mich: diese gute Welt.

Ich gehe aufrecht, muss mich nicht mehr verkriechen.

Jetzt bin ich frei und weiß, mein Weg wird ein aufrechter sein.

 

Dank sei dir, du guter Mann, der du da bist für die Deinen.

Du Wegweiser, der mir zeigt:

Ich darf vertrauen, darf mich fallen lassen.

 

Die Welt ist gut.

 

 

 

Spät vermisst

 

Man sagt, es fehlt etwas, wenn der Vater fehlt.

Man sagt, es zerbricht etwas, wenn der Vater nicht väterlich ist.

Mir fehlte nichts.

Ich tolerierte nichts Zerbrochenes in mir.

Darum sehnte ich kein heilsames Sehnen.

Darum weinte ich keine heilsamen Tränen

wegen der Scherben in meiner Seele.

Auf Umwegen suchte ich und bemerkte es nicht einmal.

 

Die Liebe wollte ich beherbergen, öffnete aber nur den Vorraum.

Niemand sollte meine Scherben sehen, nicht einmal ich selbst.

„Weine um den Verlust“, sagte mein Schulterengel.

Ich weinte um Ersatzverluste, liebte den Ersatzfreund,

der wiederum nicht einmal meinen Vorraum betreten wollte.

Doch er forschte nach den Scherben in mir, half mir, sie zu entsorgen.

 

Dann sah ich einen aus der Ferne,

einen lieben Vater, einen lieben Mann, einen freundlich Aufrechten.

Da erst erkannte ich, was mir entgangen war

und weinte eine winzigkleine Träne.

Sie reichte aus, um alle meine Räume aufzuschließen.

 

Fröhliches Ausmisten ist nun angesagt,

erfrischendes Durchlüften, entspanntes Ordnen,

vergessene Schätze finden in mir.

 

Du reiche Welt,

du lieber Mann,

du guter Freund,

ich danke dir.

 

 

 

 

Harveys Freund

 

Den großen weißen Hasen kannte ich schon lange,

doch sein Freund hatte sich stets im Hintergrund gehalten,

war mir nie so recht bewusst geworden.

Nun traf ich ihn ganz unverhofft.

Harvey war grad nicht dabei.

Etwas verloren wirkte er, so ohne Harvey,

sehr konkret in dieser Welt,

trotzdem ein bisschen schwebend, leicht entrückt.

 

Er sah, dass ich ihn sah und freute sich.

Ich sagte ihm, dass ich ihn sehe,

da verwies er mich auf Harvey,

auf Unsichtbarkeit im Sichtbaren.

Hier in der Welt versteckt sich der Hase

hinter all unseren Kulissen.

 

„Komm in mein Traumland!“, deutete Harveys Freund an,

indem er tat, als bemerke er mich nicht,

indem er heimlich nach mir spähte.

So lieb war das!

 

Jetzt sitzen wir zu dritt und spielen Karten.

Harvey gewinnt fast immer.

 

 

 

Tunnel

 

Verschüttet war ich.

Als Maulwurf grub ich mir den Tunnel in die Freiheit.

Licht wollte ich und wollte kein Maulwurf bleiben.

Doch nach all den Jahren des Grabens

gewöhnte ich mich an die einsame Dunkelheit.

 

Ich träumte von Begegnung in hellem Licht,

glaubte aber nicht mehr so recht daran.

Manchmal überfiel mich Traurigkeit,

denn der Tunnel nahm und nahm kein Ende.

Ich grub und grub und grub aufs Neue.

 

Von außen legte jemand seine Hand auf das zarte Beben

inmitten der Wiese.

Ich wusste nicht, dass ich knapp vor dem Durchbruch stand,

doch ich spürte die Wärme dieser Hand über mir.

Kurz hielt ich inne,

erkannte, wie wohl mir diese Wärme tat und staunte.

So fremd war das Gefühl einer väterlich warmen Hand über mir.

 

Da wollte ich nicht mehr graben,

wollte diesen Moment genießen

und nicht an das Morgen denken,

nicht an den Tunnel,

nicht an die Sehnsucht nach dem Licht.

 

Immer näher schmiegte ich mich an diese Wärme,

dessen Ursprung mir nicht klar war.

Doch dieser sanfte Druck von mir

öffnete die dünne Schicht Erde,

die es noch zu durchbrechen galt.

 

Ich erblickte Sonnenlicht,

tief atmete ich frische Luft.

Vom Maulwurf wurde ich zum Menschenkind

und stand vor einem Vater, der nicht meiner war.

Das also hatte ich versäumt, diese liebende, sanfte Wärme.

 

Es zu wissen tröstet leise.

In der Freiheit lebe ich nun, im Licht.

Sie kommt auf mich zu, die sanfte wärmende Liebe,

ich bin bereit, sie zu empfangen.

 

 

 

 

Freund 

 

Zwei Freunde gibt es, zwei wichtige Menschen für mich.

Der eine sprach aus, was ich vom anderen ersehnte.

Der eine tat, was mir vom anderen gefallen hätte.

Der eine versprach Treue, Verlässlichkeit.

Ich liebte ihn mehr, als ich es begreifen konnte.

Sein Sprechen und Tun erfüllten mein Herz.

Was für ein Geschenk, ihm zu begegnen!

 

Dann kam eine Hürde, eine Prüfung suchte uns heim.

Postwendend erklärte der Freund mir den Abschied.

Er wollte kein Wort mehr mit mir wechseln,

mich nicht mehr sehen,

möglichst nicht an mich denken.

Das war also die innige, doch viel zu kurze Freundschaft.

 

Der andere hielt sich immer bedeckt,

hielt sich grundsätzlich fern,

sagte nie was von Freundschaft zu mir – im Gegenteil.

 

Doch er war da für mich, so gut er konnte,

tröstete mich mit sanftem Herzen.

Aufmunternd war sein Zuhören,

befreiend sein Zuspruch,

aufbauend sein Vertrauen.

Seine Blicke waren immer ein Willkommensgruß.

 

Dazu fällt mir die Geschichte ein von Jenem, der fragte:

„Wer erfüllt den Wunsch des Vaters?

Der ihn verspricht, aber nicht tut,

oder der nichts verspricht,

dem Wunsch aber dennoch nachkommt?“

 

So weiß ich also, wer der wahre Freund ist

und bin sehr beschenkt.

Ich weiß auch um das Geschenk,

das dieser Freund empfängt,

wenn er es sieht, dass ich ihm Freundin bin.

 

 

 

 INMITTEN DER MENGE 

 

Es ist wohl gut für dich, wenn alles bleibt, wie es war.

Die Abzweigung wolltest du nicht nehmen.

Der vertraute klare Weg ist sicherer, gehorsamer, einfacher.

 

Abenteuer willst du erleben,

deinen Garten aber nicht verlassen.

Lange wartete ich vor dem Zaun,

nun gehe ich weiter.

 

Der zahme Wolf begleitet mich, wie schön!

Ich gehe in die Weite, in den Wald,

Berge und Seen erwarten mich.

Rübezahl ist nicht mehr da

und Lorelei auch nicht,

doch Elfen warten noch im Wald.

 

Gut bleibt deine Welt, mein Freund, und ruhig.

Ich störe dich nicht mehr.

Sanft schaukelt dich das Lied der Einsamkeit

inmitten der Menge.

 

 

 

Das Sein

 

Ich bin an einem Ort, wo das Sein zu Hause ist.

Darum lächelt mir aus jedem Grashalm,

aus dem Wind, der Sonne, von jedem kleinen Vogel

das Leben freundlich zu.

 

Ich bin da als Teil des Seins und bin zu Hause hier,

bin zu Hause in mir .

Der stumme Freund ist auch dort im Ozean des Seins.

Im unendlichen Sein schwimmen wir selig umher.

 

Ich bin da und die Ganzheit ist in mir,

wie in jedem Tropfen Wasser Wasser ist.

Ein Teil des Ozeans bin ich, unverzichtbar.

Ein Ast bin ich am Baum des Lebens,

das Herz in der Brust des Vogels,

der da singt.

 

 

 

Dazwischen

 

Ich dachte: mein nächster Gedanke soll blau sein.

Und es kam die Nacht.

Ich dachte: mein nächster Gedanke soll gelb sein.

Und es kam ein Ei.

Ich dachte: mein nächster Gedanke soll grün sein.

Und es kam natürlich mein geliebter Wald.

 

Dazwischen aber, in den kleinen Pausen meiner Schöpfungen,

war das reine Sein.

Und es war Friede, es war Liebe.

Und es erzählte mir vom Heil der Ewigkeit,

vom Heil der Einheit.

Nichts geht verloren, es wandelt sich nur.

Der Tod wandelt schließlich alles zum Guten.

 

Ein Gruß ist das an den kranken Baum,

der einst ein Kobold war.

 

 

 

Eins sein

 

Da lachte ich laut und mit mir die Schöpfung.

Ein kleiner Engel setzte sich zu mir,

er wollte mich lehren.

Ehrfürchtig hörte ich dem hübschen Wesen zu:

 

Du sollst wissen“, sagte er,

ich bin von Gott gesandt

und dort, der Kieselstein, der ist es auch.

Ein Frosch, ein Salamander oder die Gelse,

die dich gerade sticht, ist von gleich edlem Wesen,

wie eure Sonne, dieser helle Fixstern.

Und der Tisch, an dem du sitzt, ist ebenso heilig,

wie die Hostie am Sonntag, die du empfängst.“

 

Ich lachte laut, denn ich meinte, das putzige Wesen

sei wohl ein Scherzbold, denn ein Engel.

Er aber nickte mir ernsthaft zu,

schaute mich voll Liebe an und flüsterte:

Wir zwei sind eins!“

Dazu lächelte er, verwandelte mich

und ließ mein Herz zum Universum werden.

 

 

 

Groß und klein

 

Ich bin so groß, dass ich weit über dir stehe.

Wie ein Berg schaue ich auf dich herab.

 

Ich bin so klein, dass du mich nicht wahrnehmen kannst.

Wie ein Staubkorn liege ich unter deinem Fuß.

 

Ich bin so nah, dass du mich nicht erkennen kannst.

Der Atem bin ich in deinen Lungen,

das Blut in deinen Adern.

 

Ich bin so fern, dass du mich nicht erreichen kannst.

Das Firmament bin ich,

der sternenübersäte Himmel.

 

Ich bin und schaue dich an in Liebe.

Du bist und schaust mich an und lebst.

 

 

 

 

 

Gott ist

 

Gott ist groß.

Wenn Gott dich anschaut,

erzittert dein Mensch sein

in unnennbarer Wonne.

Du löst dich auf,

bist Eins mit der gesamten Schöpfung.

 

Gott ist klein,

ein Säugling, hilflos zappelnd.

Wenn Er dich anschaut,

verlierst du allen Gram,

weil Liebe dich durchflutet.

 

Gott ist schön.

Ich lehne mich an Ihn

und bin das Mondenkind.

Alles ist gut“, sage ich.

Er umfängt mich,

drückt mich an sich

und lächelt.

 

 

 

 

Stein der Weisen

 

Da saß ich auf der Wiese,

hörte wie immer erfreut den Vögeln zu,

betrachtete die kleinen Blumen,

genoss die Sommerbrise

und dachte an nichts.

 

Da lag ein grauweißer Kieselstein im Gras.

Zuvor hatte ich ihn nicht bemerkt.

Ich nahm ihn, schaute ihn an, spürte seine Botschaft.

In meiner Hand lag er, wie ein Taubenei.

 

Nun bin ich reich, trage ein Geheimnis in mir,

das mich beglückt.

Der Stein erzählt von Ewigkeit im Jetzt, vom Schein der Zeit,

von Liebe, die ausstrahlt, wie die Sonne.

Sie entflammt sich da und dort und ist der Lebensquell

und endet nicht an einem Du.

Sie wärmt alle, erleuchtet alles.

 

Das erzählt der Stein,

weil er so unscheinbar ist, so alltäglich,

ohne Wert für die Welt des Scheins,

unendlich wertvoll für den Erkennenden.

 

 

Dinge

 

Ich bin so heiter und befreit,

da die Dinge ihr wahres Gesicht enthüllten:

sie alle sind Attrappen.

Auch jedes Wollen ist nur Schein, leere Verpackung.

 

Wenn ich Liebe ersehne mit süßem Schmachten,

so ist das auch ein Ding, das ich behalten will

in meiner kleinen Welt.

Selbst wenn ich Liebe geben möchte

mit großem Einsatz, ist das ein Ding.

Es macht mich traurig,

wenn ich es nicht überbringen kann.

Traurigkeit und Kummer sind Begleiter der Dinge.

 

Doch es gibt Dinge mit viel Inhalt.

Ihr Wesen ist die Freiheit.

Sie kommen auf uns zu oder nicht.

So oder so machen sie froh.

Wer die Sonne in sich erkennt,

dem lachen alle Dinge zu.

Heiter lächelt er zurück.

 

 

Unnötig?

 

Wie ärgerlich, wie lästig!

Ich hatte ein Gefühl in Deutschland deponiert,

hatte es abgegeben, hatte es gut aufgegeben

und war dann frei davon.

„Wieder was erledigt – auf zu neuen Ufern!“

dachte ich und war stolz auf mich,

oder wenigstens mit mir zufrieden.

 

Seitdem verfolgt mich etwas heimlich,

schleicht mir leise hinterher.

Anhänglich, wie ein kleiner Hund

folgt mir das Gefühl.

Ich jage es weg, dann ignoriere ich es.

Es bellt nicht und winselt nicht.

Demütig folgt es mir,

schaut mich mit bezwingend treuen Augen an.

 

„Dummes Gefühl, unnötiges!“, schelte ich es laut.

Es zieht den Schwanz ein, gibt sich einsichtig

und schleicht davon,

nicht, ohne sich drei Mal traurig nach mir umzusehen.

 

Beharrlich widme ich mich anderem, lenke mich ab

und kann ihn doch nicht ganz vergessen,

diesen lieben, treuen Blick.

 

 

 

So lieb

 

Ich kann nichts gegen meine Liebe tun.

Da ist sie,

erneuert sich bei jedem Blick auf dich,

bei jedem Gedanken an dich.

Ich rieche deinen Duft, deine Seife.

Du bist da,

willst mich nicht sprechen

und bist in meinem Ohr.

Willst mich nicht sehen

und bist mir vor Augen.

Du willst mir nicht schreiben

und bist in meinem Herzen

mit jedem schönen Wort,

das du mir bisher geschenkt hast.

 

Zeit ist gar nicht.

Alles bleibt mir als Geschenk des großen Jetzt bewahrt.

Nichts vom Guten geht verloren.

Es bleibt und trägt Frucht,

sodass Staub, Unkraut und Trockenheit

dem guten Wachsen und dem Strahlen weichen,

denn du bist so lieb.

 

 

 

 

Da bin ich

 

 

 

Mein Gefäß war voll mit dem Wollen,

 

du mögest mich füllen,

 

deinen Geist in mich gießen,

 

in mir Liebe strahlen lassen.

 

Sehnsucht schärfte alle meine Sinne.

 

Ein Adler im suchenden Flug war ich.

 

 

 

Deine Gegenwart wärmte mich sanft,

 

nahm mein Wollen auf,

 

wie die Sonne Pfützen austrocknet.

 

 

 

Nun bin ich wirklich frei.

 

Mein Wollen hast du an dich genommen, Gott,

 

mit zärtlicher Geduld.

 

Ich sage nicht mehr: „Fülle mich, Herr!“

 

Ich sage: „Da bin ich, inmitten deines Daseins.“

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

Fotos:

 

Mit freundlicher

Genehmigung

Pfarre Breitensee,

 

1140 Wien 

 

www.pfarre-breitensee.at  

 

Alle Texte und Grafiken

sind urheberrechtlich

geschützt

Copyright

Karoline Toso

 

FOTOS:

Copyright

Mag. Georg Fröschl,

Pfarre Breitensee

1140 Wien