Sie sprachen von dem sanften Gott

und stellten uns vor einen

unbeweglich mächtigen.

Er trug ihr Kleid

aus Stein und aus Metall.

 

Sie sprachen von Geborgenheit

und warfen uns in klebrig enge Netze,

von Spinnen

mit murmelnder Geschäftigkeit gewoben.

 

Wohl dem,

der schon beizeiten Freiheit kannte

auf jener Freudenwiese

in trauter Zweisamkeit mit ihm,

dem Schöpfer.

 

…………………………..

 

Der Vater, den ihr meint,

war übermächtig.

Es bedurfte vieler Sehnsuchtsjahre

hinter Gittern,

sich Freiheit zu erträumen.

Doch jeder wird einmal erwachsen,

darum behielt der Traum Bestand.

 

Dann aber wurde uns

ein neuer Vater hingestellt,

mit noch mehr Macht –

ihr nanntet ihn allmächtig,

mit noch mehr Antworten

auf ungestellte Fragen,

mehr Vorschriften

für unsere offenen Fragen –

ihr nanntet ihn allwissend.

 

So war der Traum zu Ende;

gegen doppelte Macht

kann er nicht bestehen.

Wir könnten uns nur noch

Mit dieser Macht verbünden.

 

Oder…?

 

……………………………………

 

Das ferne Haus mit Zahlenriemen,

Nummernketten,

mit der Peitsche des Gesetzes

und dem Dolch

des Buchstabens,

es ist die große strenge Kammer

gefesselter Lust.

 

Das ferne Haus ist Brutstätte

der Liebesweitergabe

einer nicht ans Kreuz genagelten,

sondern gefesselten,

einer nicht

leidenschaftlich hingegebenen,

sondern von Dolch und Peitsche

deutlich gezeichneten

lippen- und zungenlosen

lächellosen Weitergabe

loser Buchstaben.

 

………………………………….

 

Das ist das Gruselkabinett

der falschen Zahlen.

Das Gruseln lerne ich

in diesem Haus

der kästchenweisen

nicht mehr

menschlich Nennbarkeit.

 

Die Sprache der Zombies

erstarrt dich zu Eis.

Das Lächeln der Masken

betäubt deine Freude.

 

Du stehst da

und siehst die

falsch gereihten Kästchen.

Du hörst die Zombiesprache,

siehst das Maskenlächeln

und stirbst endlich,

um als Zombie

und als Maske

nicht mehr zu leiden.

 

…………………………

 

„Ich bin das Vollzugsorgen,

das Gesetz steht über mir!“

rief der Aufseher

und trieb sie an,

die Kinder Israels

im fernen Land des Sonnengottes.

 

Tränen weinte da

der Geist des Trostes.

 

„Ich bin das Vollzugsorgan,

das Gesetz steht über mir!“

sprach Pilatus

und ließ die anderen entscheiden.

 

Traurig blickte da der Geist

auf den Gekreuzigten.

 

„Ich bin das Vollzugsorgan,

das Gesetz steht über mir!“

So sprach der Inquisitor

und gab die Magd zur Folter frei

und zur Verbrennung.

 

Der Heilige Geist empfand

die Schmerzen ebenso wie diese.

 

„Ich bin das Vollzugsorgan,

das Gesetz steht über mir!“

dachten jene und vernichteten

die Kinder Israels millionenfach.

 

Der Geist verstummte,

weil die Not selbst ihn

fast niederdrückte.

 

Wir sind nicht Vollzugsorgan,

und das Gesetz steht über uns.

So meinen wir

und schauen dem Morden

unserer Nachbarn zu.

 

Enttäuscht wartet der Geist

dennoch auf unsere Taten.

 

„Ich bin das Vollzugsorgan,

das Gesetzt steht über mir!“

So sagst du mir am Telefon

und übergibst  mich

zwei Jahre lang

meinem lächerlich unwichtigen Gram.

 

Der Geist sagt mir:

„Es ist nicht dein Geschick,

seines ist es,

das hier den Schlüssel darstellt.

Dein Gram ist bald vergessen,

zwei Jahre harre aus.

 

Dieser jedoch wird einst gefragt,

am jüngsten Tag,

nach dem Vollzug,

nach dem Gesetz

und nach der Menschlichkeit

im Geist des Herrn.

 

…………………………………………….

 

Was ist das Menschsein wert?

Ein Buchstabe,

der Tod bedeutet oder Leben,

ein Stück Papier,

das Verwesung weiß bedeckt,

gedruckte Zahlen,

für die man Liebe eintauscht

 

Und ein Blick

Wie aus Puppenaugen.

 

………………………………………..

 

Drei Anrufe,

sie kosten nicht das Leben.

Drei Anrufe umsonst

bedeutet lang noch nicht

umsonst gelebt.

 

Drei Anrufe umsonst

kann mir auch zeigen,

wo der Tod

zu Hause ist.

 

………………………………………

 

Eingefrorenes Lächeln

ohne Glanz in den Augen.

 

Hast du gehofft,

dass das Leben dich einholt?

 

Zu rasch bist du geflüchtet.

Zu schnell bist du gelaufen.

 

……………………………

 

Eine große Statue blickt ins Leere.

Je mehr ich das eingeschlossene Kind

Darin weinen höre,

desto massiver wächst das Standbild.

 

………………………………….

 

ein gegenstand

 

du stehst und blickst

 

ein gegenstand

 

du denkst und schreibst

 

ein gegenstand

 

du schaust uns sprichst

 

DU SIEHST NICHT!

 

ein gegenstand

 

………………………………….

 

Mauern

Schichten

Mauern

Abtragen

Zäune

Ziehen

Nägel

Einschlagen

Mauern

Schichten

Mauern

Mauern

Schichten

Abtragen

Schichten

Schichten

 

Die Witterung

Wird dich wieder heilen

Mein Garten Eden

 

……………………………….

 

Du wohnst bei dir in Untermiete.

Schäbig klein und düster ist es da.

Du schaust auch nicht zum Fenster hinaus,

weil sich ja nur ganz oben

ein kleines Gitterloch befindet.

 

„Der Herr wird Wohnung mir bereiten!“

Sagst du mit geübter Heiterkeit

und hast vergessen,

dass der Drei-Eine ja selber

in dir Wohnung nehmen

 

will.

 

………………………………….

 

Blind,

stumm,

taub

musstest du werden,

um dich fromm

zu nennen.

 

Die Sinne deiner Haut,

ja selbst dein Sprechen

sind verdreht.

Du nennst es keusch.

 

 

Du lebst gefesselt

hinter Mauern.

 

Welch ein Mensch!

 

………………………………..

 

Im hintersten Winkel

deiner Gruft

hockst du

und streckst weinend deine Arme aus.

 

Es kommt die große Mutter

und erlaubt dir

nicht sein zu müssen.

da versiegen die Tränen.

 

Im hintersten Winkel

deines Gefängnisses

kauerst du

und verbirgst ängstlich

dein Mannsein.

 

Es kommt der große Hirte

und erlaubt dir,

nicht lieben zu müssen.

Da versiegten die Gefühle.

 

Im hintersten Winkel

deines Kühlschrankes

suchst du verbissen dein Selbst.

 

Es kommt ein Kind

und lacht dich aus.

Da erwacht zaghaft

Sehnsucht.

 

………………………………..

 

Wiederholungen

sind für dich die Tage.

Das Blättern leerer Seiten

sind für dich die Jahre.

 

So erfüllst du,

brav und treu,

deine Pflicht als Gegenstand.

Und im lodernden Feuer

deiner Gefühle

stößt dein verkümmertes Selbst

spitze Schmerzensschreie aus.

 

Geschäftig und ohne Aufwand

stopfst du Wörter

und Tätigkeiten

in seinen geschundenen Mund.

 

Du musst es nicht mehr bestrafen

für den Lärm,

denn es ist vorsichtshalber

geblendet worden

und zum Kämpfen längst zu schwach.

 

Beruhigt blätterst du

die weißen Seiten weiter.

 

……………………………………..

 

Ich sah eine fromme Statue

und liebte sie sehr,

denn in den Augen war die Leere,

am Mund die Bitterkeit.

 

Ich sah eine fromme Statue

und liebte sie sehr,

denn ihre Kühle schrie nach Berührung,

ihr kantiges Nichtmenschsein

sprach von den blutenden Wunden

in ihr.

 

Ich ging hin

und küsste die fromme Statue.

Ich ging hin

und berührte die kalte Statue.

Ich ging hin

Und sprach zu der toten Statue.

 

Welch eine Sünde!

 

………………………….

 

Das ist der Vorübergang:

Der älteste Sohn

muss endlich begraben werden.

 

Vielleicht erwachst du dann zum Leben.

Vielleicht lässt du dich doch

als Mensch gebären.

 

…………………………………….

 

Schaust du, wenn du blickst?

 

- Nein, ich glaube nur zu sehen.

 

Empfindest du, wenn du spürst?

 

-         Nein, ich glaube nur zu dulden.

 

Sehnst du, wenn du betest?

 

-         Nein, ich glaube nur zu glauben.

 

…………………………………………

 

Du traust mir nicht,

weil du dich nicht kennst.

Du vertraust mir nicht,

weil du dich nicht liebst.

Du fürchtest mich,

weil du nicht empfindest.

 

Du beginnst zu spüren

und hast panische Angst.

 

„Keusch“

Heißt das Vokabel,

wenn ich nicht irre.

 

……………………………….

 

„Wenn die Nacht am tiefsten ist,

die Dunkelheit am dichtesten,

werde ich ihn berühren.

Erst das kann seine Tore öffnen.

Tritt du dann ein!“

 

So sagt der Herr.

 

Warten war allerdings

noch nie meine Stärke.

 

………………………………………………

 

Du konntest wählen

Zwischen Wiese und Asphalt.

Leider hast du dabei übersehen,

dass man auch auf Wiesen

weiterwandern kann –

 

und wie gut!

 

………………………………….

 

Stille

Räume

Weite

Mauern

 

Ruf mich

Wenn dein schrei

Verhallt ist

Schweige schauend

Wenn du dich erkennst.

 

……………………………………..

 

Stein

Schleuder

Stein

Haus

Stein

Garten

Stein

des Anstoßes

Stein

der Weisen

 

STEIN

 

Stein

Augen

Stein

Mund

Stein

Hände

Stein

Sprache

 

Steinstatue,

lass dich erwärmen.

 

…………………………………..

 

Deine Rolle ist klar und eindeutig.

Du spielst sie hervorragend und sicher,

denn bis zur Bühne

gelangen nur die Statisten.

 

Wir klatschen dir von unten Beifall.

Du verbeugst dich geziert.

 

Wenn der Saal dann endlich leer ist,

kommst du herab und stehst

vor den leeren stummen Stühlen.

 

„Wie schön, dass du gekommen bist,

meine liebe Gemeinde!“

sagst du gerührt.

 

Sie lieben dich wirklich,

die Stühle,

denn sie harren zustimmend aus.

 

………………………………………

 

Verzeih!

Ich habe dich beleidigt,

als ich dir sagte:

Ich mag dich!

Wie konnte ich auch ahnen,

dass du nur Maus bist

und ich dir die Schlange?

 

Verzeih!

Ich habe dich verletzt,

als ich dich verließ.

Dabei bin ich ja doch nur

ein Windhauch

und wäre nur ein Säuseln

in deinem kalten Kellerverlies.

 

…………………………………

 

Was passiert,

wenn ich dir all das sage,

was ich sehe?

 

Im schlimmsten Fall

passiert gar nichts.

 

Was passiert,

wenn ich dir all das sage,

was du nicht siehst?

 

Im besten Fall gibst du zu,

blind zu sein.

 

Was,

wenn du die Augen öffnest.?

 

…………………………….

 

Ich kann dich nicht

nach Lüge fragen,

nicht nach Wahrheit,

denn beides ist verschwommen

in deinem Sein.

 

Ich kann dich nicht nach Liebe fragen,

nicht nach Distanz,

denn beides willst du

gleichzeitig.

 

Und Sehnsucht

bewahrst du

im Tiefkühlfach.

 

……………………………

 

Du hastest

auf einem langen einsamen Weg.

Und als du endlich stehen bleibst, merkst du,

dass du das Ziel

längst verfehlt hast.

 

………………………………….

 

Wie aufbauend du bist!

 

Du ziehst es vor,

deine Mauern höher zu bauen,

anstatt sie abzutragen.

 

……………………………………..

 

Als Standbild

hast du mir zugelächelt.

Ich erwiderte das Lächeln

und weckte dir das Menschsein auf.

Da hast du mir gezürnt,

hast mich verworfen.

 

………………………………………….

 

„In der Geburt

ist die Hochzeit des Lammes“,

sagt ER.

 

Wann wird er geboren werden,

der MENSCH in dir?

 

…………………………….

 

Noch hast du zwei Arme, zwei Hände.

Noch hast du Augen, Ohren und Mund.

Noch hast du Beine und Füße zum Gehen.

 

Versuche zu ergründen,

wozu sie da sind.

 

Vielleicht finden wir ja doch noch

zu einem gemeinsamen Lächeln.

 

………………………………………

 

So bist du geworden,

eins und zwei und drei.

Vier und fünf waren anwesend.

 

Du erkanntest

und bekanntest nicht.

 

So bist du nun geworden,

sieben acht neun zehn.

 

……………………………….

 

Ich sah den Ältesten als Leiche.

Verbissen grub er an seinem Grab.

 

„Komm!“ sage ich zu dir,

„komm zurück ins Leben!“

 

Verärgert blicktest du mich an

als Ältester,

und schimpftest mich

pflichtvergessen.

 

………………….

 

Wie kostbar du IHM bist,

dass ER sich selber für dich hingab!

Deinen Namen spricht ER aus

In Liebe.

 

Dir aber genügt das nicht.

Bevor du dich nicht selbst

am Kreuz vernichtet hast,

nimmst du keinem Gott

die Treue ab.

 

…………………………..

 

Bist du ausgezogen,

um den anderen zu suchen?

 

Bist du zurückgekehrt

und hast dich selbst gefunden?

 

……………………………….

 

„Du bist grausam zu mir!“

beschwert sich das Neugeborene

bei der Hebamme

und schreit zum ersten Mal.

 

„Du bist grausam zu mir!“

sagst du zum Spiegel deiner Selbst

und weinst zum ersten Mal

bewusst.

………………………….

 

Lange Arme

Stumme Finger

Starrer Nacken

Nebel im Blick

 

Die Sonne ist ein Feuerofen

 

Amen

Sagst du

 

……………………………………

 

Deine Schritte gehen verträumt,

doch dein Kopf rennt immer weiter.

 

Mauerziegel schichtest du.

Mauerziegel stürzen ein

und tun dir weh.

 

Deine Schritte gehen verträumt

davon.

 

Du blickst ihnen nicht mehr nach.

 

………………………………

 

Du öffnest den Mund

und sagst stumme Worte.

Dein Blick schreit

in die Leere hinein.

 

So wende ich mich und schließe die Tür.

 

Deine Flammen lodern im Raum.

 

Ich wende mich und schließe leise die Tür.

 

Ein kleiner Bub bist du,

süß anzuschauen in deinem Schlummer –

 

doch rieche ich schon Verwesung.

 

……………………….

 

Lauter kleine Steine

wirfst du vor dich her.

Sie kommen dir aus Mund und Nase,

aus den Augen, Ohren, Händen.

Selbst aus den Gedanken

prasseln kleine Steine von dir nieder.

 

Damit willst du wohl verhindern,

dass andere dich

mit großen Steinen schlagen.

 

Große leere Kohlenaugen

schauen aus dem Spiegel

zu dir hin.

 

……………………………..

 

Als Kind

hat man dich hingestellt

und dir verboten

ich

zu sagen.

 

Nun stehst du da

und bist ganz sicher,

dass es dieses

Ich

nicht gibt.

 

…………………………..

 

Ich hebe den Deckel deines Sarges.

Licht dringt auf dein fahles Gesicht.

Wütend schlägst du den Deckel zu

und betest fromm dein Morgengebet.

 

Wann wirst du erwachen

und dich im Sarg

deiner ängstlichen Flucht

wieder finden?

 

……………………………..

 

Nein,

 

es ist kein Garten

hinter deinen Mauern.

 

Es ist ein ganzes Paradies!

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

Fotos:

 

Mit freundlicher

Genehmigung

Pfarre Breitensee,

 

1140 Wien 

 

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Pfarre Breitensee

1140 Wien