barfußweiche schritte setze ich

auf nackte erde

auf taubenetztes gras

ich schreite über gräber

ich erklimme nebelberge

und lande auf dem wolkengipfel

siegreich

erschöpft

allein

 

die symphonie der stille

ist lohn für meine mühen

ich schließe meine augen

um den blick zu weiten

 

……………………………….

 

DIE STILLE

 

Ich liebe meine Stille,

ich liebe diesen ausgefüllten Raum,

der Stille heißt,

der mich beschenkt

und mich erhebt.

 

Der Regen singt mir sein Liebeslied,

sein Lied der Klagen und der Sehnsucht.

Mein Buhle ist der Wind.

Er kost mich,

tanzt vor mir und wirbt um mich.

 

Meine Freundin und Geliebte

Ist die Nebelfrau.

Sie neigt sich voll Anmut

und weiß mich zu umgarnen,

zu gewinnen.

 

Sie alle bevölkern meine Stille

und stören doch nicht ihre Heiligkeit.

„Ewig, ewig bin ich!“ ruft sie

und breitet ihre Arme

mir entgegen.

 

……………………….

 

ICH LEBE DAS HEUTE

 

Ich will den Frühling leben,

wenn ich auch weiß,

dass mich bald schon

der Herbst bändigt

mit seinem kühlen Streicheln.

 

Doch heute macht mich des Frühlings Duft

so ungestüm,

berauscht mich ganz.

 

So atme ich Berauschung,

Ohnmacht, Lust und Trauer

in vollen Zügen

gerade dann,

wenn sie erscheinen.

 

………………………………

 

NEBEL

 

Verschleierter Morgen,

kühler Atem,

trauliche Einsamkeit,

beglücktes Erinnern.

 

Langsame Schritte,

schauen und staunen,

stilles Besinnen,

freudiges Lächeln:

ich bin zu Haus.

 

…………………………………..

 

DER BOTE

 

Ein stiller Bote lächelt mir zu.

Ganz ruhig blickt er mich

aus weisen jungen Augen an.

Er streicht mir wissend übers Haar

und lässt mich in seinen Armen ruhen.

 

Ein treuer Bote sucht mich auf

und spricht zu mir von Leid

und von der Hoffnung.

Sein Gehen ist kein Entschwinden.

Diese Gewissheit ist sein Geschenk

an mich.

 

Ein Lebendiger ist mir der Bote

in diesem Totental.

Sein Liebeshauch weckt Leben.

Wärme im Irdischen

ist seine Botschaft.

 

……………………………….

 

Nutzlos bist du mir, mein Freund,

ohne Zweck und ohne Ziele

ist die Freude über dich.

Glaube nicht,

ich möchte dich verändern.

Nein, denn so wäre ich Gefangene

und du zugleich Gefangener,

und niemals könnten wir

die Ewigkeit in Augenblicken leben.

 

Nutzlos bist du mir,

das macht mich frei

und lässt mich dich erkennen.

in dieser Zeit liegt Einheit,

wenn ich in deine Seele blicke.

 

Doch die Zeit vergeht,

die Einheit aber bleibt in uns,

selbst wenn Erinnerung

schon längst verloschen ist.

 

…………………………………….

 

Ganz klein ist sie,

die „große Not“ des Tages

vor dem Jahresleiden, Lebensleiden

vieler.

 

Doch groß

Ist jeder Augenblick,

der dem Tag geschenkt wird,

wissend um seine Ewigkeit.

 

Er wird sickern,

hinein in Jahresleiden,

Lebensleiden

und wird lindern.

 

………………………..

 

NICHT MEHR SO WEIT WEG

 

(für Jens)

 

Ich ging in den Frühling hinein.

Die ersten Primeln blühten,

der Schnee taute,

feucht war die Erde;

schön war alles.

 

„Schau die Primeln, Freund!“

sagte ich,

„Erspüre die Sonne, die frische Luft!

Hörst du die Vögel zwitschern?“

 

Ich sprach zu ihm,

genoss dabei,

erahnte seine Nähe –

und aufgehoben war die Trennung

des Todes

im Frühling,

in der Freude.

 

……………………………………

 

DIR, SCHWESTER SCHLANGE

 

Du, Schwester, gleitest hin,

ganz tief, ganz leise,

zaghaft, zaudernd.

Du hältst inne,

wartest ab,

dann setzt du fort

die Bahn.

 

Geschmeidig schön bist du,

stolz und doch im Staub,

erniedrigt und gefährlich.

 

Gib acht, dass dich mein Fuß

nicht trifft!

Und bleib mir fern.  

Beängstigend ist deine Kühle,

doch bannend auch

dein schöner Leib.

 

…………………………………

 

Komm näher, Feindin, hör mich an.

Ich möchte sprechen, mich in dir finden,

denn einsam bin ich so wie du.

Du bist geächtet? Ich bin es auch.

Du, Schlange, bist gefährlich,

sagt man,

und ich, Kröte, hässlich.

 

Sei mir nicht Feindin, Schöne,

sondern komm und teile

die Einsamkeit mit mir.

Und du wirst staunen:

Wir finden uns als Schwestern –

vertraut und ähnlich.

 

……………………………

 

Ruhig liegst du da,

genießt die Sonne,

die Wärme

und bist schön anzuschau’n.

 

Doch kaum schreckt dich mein Fuß,

mein Schatten,

schnellst du hervor

und beißt,

umschlingst mich.

 

Gefährlich bist du,

Schlange,

doch so schön!

 

…………………………………

 

Schon weiß ich nicht mehr recht,

wie du aussiehst.

Ein Sonnenstrahl,

eine Wiesenblume

warst du mir.

 

Ich dachte damals nicht,

dass mich dein Licht

so sehr erfreuen,

dein Duft so lang begleiten würde

hier

auf meinem Nebelweg.

 

………………………………

 

Lass die Nacht kommen

und bleiben

in dir.

Trauere nicht länger dem Tag nach.

Nur wenn er gegangen ist,

wird Ruhe sein

in der Nacht.

Und nur in der Ruhe

kannst du der neuen Helle

entgegenblicken.

 

…………………………….

 

Ich gehöre dir nicht an,

noch bin ich für dich ein Pol.

Die Schritte dieser Tage,

sie führen nicht zusammen,

wir gehen sie nicht gemeinsam.

 

Und doch ist da nicht Leere,

wo mein Blick in deinem ruht.

Es treffen sich die Seelen

ganz drinnen, tief verborgen.

 

Ein leises Ahnen mag das sein,

voll Frieden, voll Gelassenheit,

dass einmal diese Einheit

für alle gelten wird.

 

………………………………..

 

Lass mich ruhen in deinem Lächeln,

fang mich auf mit deinem Blick.

Schau her und sieh die müden Schritte.

Sieh doch, dass ich niedersinke.

 

Auch in dir ist nicht der Friede.

Ruhe höchstens und Entspannung.

Schenke mir,

was du schenken kannst

und sei beruhigt,

es wird gut sein.

 

………………………………………….

 

Schon ahne ich, wieder Wasser zu sehen,

wo nur Schlamm ist,

Wiesen,

wo sich Moos ausbreitet.

 

Schon fürchte ich, Begegnung zu erhoffen,

wo nur Abschied winkt,

Träume ergründen zu wollen,

wo nur Sachlichkeit herrscht.

 

Doch du,

fürchte meine Enttäuschung nicht,

sein einfach Du,

damit ich es lerne,

maßvoll

zu erwarten.

 

……………………………………….

 

Sind die Gedanken voll,

so schweigt das Herz

und die Sehnsucht wird geschwätzig.

 

Lass mich schweigend

Dir entgegen gehen,

auch wenn ich dann nicht klug

zu sprechen weiß.

 

Schweigend will ich dich schauen

und alles Verstehen

in deinen Armen nur finden.

 

……………………………………….

 

Meine Zärtlichkeit

Ist eingefroren.

 

Wird mich deine Liebe

 

tauen?

 

…………………………….

 

Du bist mir Frühling.

Deine Sonne taut und wärmt mich.

Ich fühle mich regen, bewegen.

Ich lebe.

Ich wachse.

 

Deine Sonne streichelt mich,

dein Lächeln,

deine Augen.

 

Sonniger Freund,

das Leben ist am Beginnen!

 

…………………………..

 

Sei frei und geh,

sei frei und komm,

sei frei und bleibe.

 

In allem wirst du

freier noch,

in allem wirst du

noch mehr du.

 

………………………………

 

NÄCHTLICHE STILLE

 

Ruhiges Leuchten,

unter dir die ferne Stadt.

Es lärmt nicht in dir,

nichts beengt dich jetzt.

 

Lass dich erwärmen

von der hellen Nähe,

gib dem Frieden Raum.

Erspüre die Gegenwart,

die dich beruhigt.

 

Die Sorgenfalten glätten sich.

Ich sitze da und lausche deiner Stille.

Lächelnd erkenne ich

die Sehnsucht

deines Herzens.

……………………………….

 

Wenn ich dich sehe,

finde ich mich.

 

Du machst mich lebendig,

so nenne ich dich Vater.

Du machst mich fruchtbar,

so bist du mir Gatte.

Zärtlichkeit weckst du in mir

ständig neu.

Ich nenne dich Sohn.

 

Du, mein Freund.

 

……………………………..

 

Du süße Kostbarkeit

in Glas gewickelt;

Unantastbar, unbefühlbar.

schmackhaft und belebend ist es,

dich zu sehen.

 

Doch machst du trunken,

langsam sinke ich zu Boden.

Dein Aroma fließt in mir,

deine Farben erhellen,

und Musik ist mir dein Atem.

 

Du beugst dich

und ich werde dir zur Frucht,

zur delikaten Speise.

 

…………………………………

 

Nun sprichst du wieder

und nennst nicht meinen Namen.

Doch schaust du mich an,

erklingt er klar und deutlich

und schwingt fort

tief drinnen,

im Brunnen deiner Seele.

 

………………………………

 

Alle freuen sich

an meiner Lebensfreude,

doch wenn ich sage,

dass sie aus dem Tod geboren ist,

so nehmen sie es mir übel.

 

Viele sprechen und bekennen,

ohne zu wissen

und ohne jemals geahnt

zu haben.

 

Nur du, mein Freund,

sprichst schweigend,

bekennst schauend,

bleibst hoffend reglos

 

und erwartest alles.

 

Mein geliebter Stausee,

öffne dich.

 

………………………………….

 

Wir begegnen einander in tödlichem Ernst.

Die wahrste Entscheidung des Lebens

ist die Vollkommenheit

und das ist im Tod.

 

So töte mich, du, in jedem Blick.

Vollende mich in jedem Lächeln.

Entscheide mich und lass mich

in dir entscheiden

zu diesem Sein,

das da sagt: ja.

 

………………………………………..

 

Ich nehme Abschied von dir,

indem ich dich finde.

Du entrückst meinem Wesen,

indem ich mich mit dir vereine.

Ganz eins sein mit dir

und feinsäuberlich getrennt

ist das Geheimnis des Augenblicks,

der Dauer,

der Ewigkeit

unserer Liebe.

 

………………………………………..

 

Du trittst ein in den Raum

und nennst ihn Geborgenheit.

Längst nennst du nicht mehr Abenteuer,

was du an Weite erfährst,

denn ausgebreitet

liegst du selber vor dir.

 

In dieser Begegnung,

die du gestern noch ‚du’

und ‚außer dir’ nanntest,

schaust du dich selber

und trittst in dich ein.

 

……………………………………………

 

Viel schöner ist das Leben

Mit all dem Sterben

Und dem Aufersteh’n,

als ein beständiges

darüber Schweben.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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