DAS ZERBROCHENE GESICHT

 

Was ist mit dem Gesicht,

mit deinem Gesicht?

Es ist zerbrochen.

Zweigeteilt ist dein Gesicht;

Ein Schattenteil,

ein Sonnenteil.

 

Mein Freund,

warum ist dein Gesicht zerbrochen?

 

Mit welchem blickst du mich gern an?

In welchem wohnt dein Herz?

 

Tief verborgen liegt der Klebstoff,

der Einheit bringen könnte!

 

Lächle mir zu und strecke dich!

Richte dich auf

und beuge dich über mich.

Dann wirst du strahlen

im vereinten Antlitz.

 

………………………………….

 

SCHWARZE GESICHTER

 

Schwarze Gesichter sah ich,

Kleider umhüllten das Nichts.

Ich sah Hände aus dem Leeren greifen

Und ins Leere tasten.

 

„Die hohe Feier“

nanntest du dies schaurige Spiel

Und blicktest mich an

aus dem schwarzen Gesicht

ohne Augen.

 

Auch dein Haar

war schwarzer Schatten,

ebenso die Stimme und die Haut.

„Das ist mein Erbteil“

sagtest du

und sprachst feierlich den Segen,

der mich tötet

nun

vor Sehnsucht

nach Leben.

 

………………………………

 

Schaurig umhüllt mich

das Wehen des Todes,

wenn ich bei dir bin.

Dein Umfeld ist Siechtum,

dein Blick die Starre,

und eisiger Hauch

ist dein Sprechen.

 

Entfliehe ich,

so quält mich die Leere.

Die Sehnsucht nach dir

raubt mir das Lachen.

 

Nur ein einziges

zartes Lebensflackern

in deinen Augen

verzauberte mich,

damals,

vor so vielen Ewigkeiten

meines Wartens

und lässt mich nun

nach deiner eisigen Nähe

flehen.

 

…………………………..

 

Du kannst nicht ja sagen zu mir,

weil dein Ich es ist,

das mich liebt

und nicht deine gepanzerte Hülle.

 

Ob du darin eingesperrt bist

oder nur feige,

wage ich nicht zu beurteilen.

 

………………………..

 

Wie tief muss die Nacht sein,

dass du meine Liebe verstehst?

Wie schwarz muss die Nacht noch werden,

dass du deiner Sehnsucht

nicht mehr entkommst?

 

…………………………………

 

Die Sehnsucht spricht aus deinen Augen,

ja, du willst mich.

Ich nähere mich und lächle dir zu.

Das kannst du nicht ertragen.

Du zerbeißt mich förmlich

und jagst mich fort.

 

Da ich weg bin,

wirfst du mir vor,

dich verlassen zu haben.

Ich sehe die Sehnsucht in deinen Augen,

nähere mich und lächle dir zu.

Das kannst du nicht ertragen.

Du zerbeißt mich förmlich

und jagst mich fort.

 

Da ich weg bin,

rufst du nach mir.

Ich höre den Schmerz in deiner Stimme,

nähere mich und lächle dir zu.

Das kannst du nicht ertragen.

Du zerbeißt mich förmlich

und jagst

und jagst

und

und

 

…………………………….

 

Natürlich holst du nicht den Schlüssel

und suchst nicht das Schlüsselloch.

wenn doch keine

Tür

in deinen Mauern ist.

 

……………………………..

 

Dass ich gehe ist nicht Flucht,

doch es ist Angst vor dem Schmerz.

 

Es ist die Schwachheit

angesichts des Stacheldrahtes,

angesichts der hohen Mauern

rund um dein prächtiges Haus.

 

Nein,

ich werde dich wohl nicht besuchen.

Dein Alleinsein

ist dir Freund genug.

 

………………………….

 

Ich halte dir den Spiegel vor

und du siehst staunend,

wie zum ersten Mal,

die Tiefe deiner Augen.

 

Ich halte dir den Spiegel vor.

Mit neuen Augen,

die fast nicht deine sind,

erblickst du Liebe dessen,

der dich schuf.

 

Ich halte dir den Spiegel vor,

um dich selber zu entdecken.

 

……………………………….

 

Du warst mir Ansporn,

warst mir Herausforderung.

 

Ich ging dir entgegen

und fand von dir die Antwort

Nicht.

 

So wende ich mich nun

und lasse dich wieder

allein.

 

………………………..

 

Habe ich dir Weh getan?

Es ist so schwer,

um Vergebung zu bitten.

Zu wissen,

dass du weder nein sagst,

noch ja,

macht es unmöglich,

meine Umkehr darzubringen.

 

Dein Schweigen tut weh.

Es verletzt dich und mich.

 

…………………………

 

Habe ich mich

an das Sterben gewöhnt,

oder entsteht wirklich

neues Leben

durch diesen Abschied

 

und neues Geben?

 

………………………….

 

Sommer 1991

 

Vor genau zehn Jahren starb Jens

 

und du hast nie danach gefragt.

 

Wer wird in zehn Jahren sterben,

und dich wird es nicht kümmern?

 

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Wie soll ich dein Lächeln deuten?

Darf ich hoffen?

Muss ich warten?

Werde ich dann endlich sprechen –

dürfen?

 

Und wenn die Ungeduld

wieder deine zarte Pflanze zertritt,

dann

werde ich mich wohl endgültig

wenden?

 

……………………………………..

 

Wären es DEINE Augen,

hätte ich längst weggeschaut.

 

Wäre es DEIN Mund,

hätte ich gar nicht erst hingeschaut.

 

Wären es DEINE Hände,

würde ich ihre Berührung

nicht ersehnen.

 

Welch unmögliche Wohnstatt

hat sich der Herr

da wieder ausgesucht!

 

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Dein stummer Schrei ist Dummheit.

Dein Kampf gegen mich

ein Schlag in den Wind.

 

Komm zur Ruhe, Lebendiger,

atme,

schaue.

Sprich.

 

…………………………………..

 

Noch nie war mir die Liebe zum Herrn

So schwer gefallen, wie jetzt,

da er mich in seinen Tempel lädt.

 

Verärgert stehe ich

vor verschlossenen Türen,

denn der Hausmeister

will mir den Schlüssel

nicht reichen.

 

……………………………………

 

ENTSCHULDIGUNG

 

Fern vom Herrn kann ich nicht sein.

Folge ich aber seinen Fußstapfen,

führt er mich direkt hin zu dir.

 

Ich entschuldige mich

für dieses unpassende Erscheinen.

 

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Mein Ja an dich

war ein Sprung

in kalte Tiefe.

 

Mein Ja an dich ist,

denn es ist Gebot Gottes.

 

Wann werden Sommerwiesen blühen?

 

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Ich will dem Ja entfliehen

und ersehne das Alleinsein.

 

Wärst du nicht dreifaltig, Herr,

könnte ich dir

vielleicht doch entrinnen.

 

…………………………………..

 

In grauer Dunkelheit

umarmtest du mich zärtlich.

 

In eiskaltem Morgengrauen

bin ich aus dem Traum erwacht.

 

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Ich sehe,

wie du dir ins Fleisch beißt.

Ich ahne,

wie das Gift in deinen Venen kreist.

Ich spüre,

wie die Lähmung dich ergreift.

 

Und nie horchst du meinem Flehen,

dass du mich küssest

und an mich drücktest,

dass du mein Blut belebtest

durch deine Umarmung,

dass du die Glieder regtest

im Liebestaumel.

 

…………………………………….

 

Ich habe gesündigt,

da ich dir zulächelte.

Ich habe ungehörig gehandelt,

da ich zu dir sprach.

Ich habe deine Heiligkeit verletzt,

da ich Freundschaft von dir sehnte.

 

Doch, glaube mir,

verborgener Schatz,

Gott wird DIR auch das

Verzeihen

 

wollen.

 

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Was wiegt schon dieser Augenblick,

da ich die Liebe in dir sah,

im Vergleich zur Ewigkeit?

 

„Das IST die Ewigkeit!“

rief der Herr

und stellte mich zurück

auf meinen Weg.

 

……………………………………

 

Ich fragte IHN, was Liebe sei.

Er sagte:

„Augen, Blicke. Lippen und Umarmung“.

 

Abermals fragte ich IHN,

weil ich SEINEN Worten

nicht mehr traute:

„Was ist für mich die Liebe?“

Da sagte ER nur noch ein Wort –

 

deinen Namen.

 

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Und wenn du sehnst,

ohne Namen zu nennen,

so schließe Die Augen

und schaue in dich.

 

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Du nimmst das Geschenkpaket

und schnürst es ganz fest zu,

weil du meinst,

es sei nichts darin.

 

Als ich es öffnen will,

wehrst du dich heftig und beschämt.

 

Und da ich nun

den Schatz darin entdecke,

bist du selbst voll des Staunens.

 

………………………………….

 

Was ist wohl das Leben wert?

 

Dein Lächeln,

zu dem du freimütig

ja sagst.

 

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Du bist!

Das ist der Heilsgedanke.

Du bist da!

Das ist die Freudenbotschaft.

Du bist als du selbst gewollt.

Das ist es,

was ER sagen will,

ER,

den wir zu Recht

MEISTER

Nennen.

 

………………………………….

 

ER

hat mich zu dir gesandt

und dich zu mir.

 

War es klug von IHM,

oder nur liebevoll?

 

………………………………..

 

LITURGIE

 

Gegenwart des Herrn bist du

im Lächeln.

Gegenwart des Herrn bist du

im Streit und in der Sehnsucht.

Gegenwart des Herrn bist du

in der Umarmung,

die dein Herz durchdringt.

Gegenwart des Herrn bist du

im Kuss und wenn du trauerst.

 

GEGENWART DES HERRN BIST DU!

 

Komm,

lass uns feiern!

 

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Weißt du um die Kostbarkeit

deiner Augen,

oder lächelst du,

ohne zu ahnen,

dass du Berge versetzt?

 

………………………………..

 

Wärst du ein Gegenstand,

hätte ich dich längst weggeworfen.

 

Wärst du eine Pflanze,

würde ich dich unbarmherzig

verdorren lassen.

 

Wärst du ein Tier,

würde ich dich kaltblütig

aussetzen.

 

Doch

DU

Bist es.

 

Weh mir,

ich kann dir nicht entrinnen.

 

……………………………..

 

Ist das Alles im Einstmals

das Ziel deines Sehnens?

So stürze dich lieber nicht dort hinein,

sondern lehne dich vielmehr

behutsam an mich.

 

Ist das Dienen dem Ewigkeitswarten

der Lohn dieser Tage?

So ziehe dich lieber nicht dahin zurück,

sondern folge dem Rufen

des Heute.

 

Du wirst schließlich finden

und heimkehren,

heim,

in dein Reich

des Ursprungs.

 

…………………………….

 

Nie würdest du mich berühren,

nie würdest du bekennen

 

und doch öffnest du dich

mir entgegen,

wenn ich den Raum betrete.

 

Ich stehe neben dir

und lasse mich von deinen Augen

streicheln.

 

……………………………….

 

Gemeinsam gehen wir hinein in den Wald.

Es duftet nach Holz und nach Moos.

Erfrischend säuselt der Wind,

und die Sonne sticht nicht.

 

Die Vögel singen der Liebe ein Lied.

 

Warum hast du Angst vor dem Wald

deiner Seele?

Warum hast du Angst vor dem Lied

deiner Liebe?

 

Labe dich an den Beeren

und atme die Frische ein,

bis du dich findest.

 

……………………………..

 

Holzglocken spielen beim Begräbnis auf.

Vergnügt tragen wir den Ältesten zu Grabe.

Klanghölzer stimmen in den Rhythmus ein,

wenn wir ihn mit Moos bedecken.

 

Endlich bist du es selbst,

der sich in den Schatten legt

an meiner Seite.

 

Welch heiteres Begräbnis!

 

…………………………………….

 

Kühl blickst du mich an

und unbarmherzig.

Du rügst und strafst,

du lässt kein Schwanken zu

und bist ganz starr,

bist unbeugsam

und triffst mich

mit eiskaltem Dolch.

 

So errichtest du die Mauern,

baust Sicherheit und Zwang.

Du duldest nicht das Weiche,

wo harte Kanten klar begrenzen.

 

Bei all dem hast du aber

des Verräters nicht gedacht.

Er, Diener deiner Seele,

entblößt dich mir mit kecker List.

In deinen hellen Augen sitzt er

und besingt ganz unbekümmert

die Farben deiner Wohnung.

 

So sagt er:

„Komm! Umwerbe mich,

reiß endlich meine Mauern ein!

Schließe auf die Tür und tritt herein,

benütze diese allzu sauberen Möbel!

Beschenke mich und brauche mich

Und lass nicht ruhen deine Hände,

deine Augen und den Mund!

Mit all dem sollst du mich erfassen,

trinken – lieben!

 

Überwinde meine Grenzen

und die Dunkelheit!

nimm mich ganz ernst

und lausche doch

dem Diener meiner Seele.

Erkenne meine Mauern,

achte sie,

um sie dadurch

zu überwinden.“

 

Du rufst es,

du, Diener seiner Seele

und legst den Dolch in meine Hand.

 

So habe ich dich abermals empfangen,

als Waffe einst

und nun als edle Liebesgabe.

 

……………………………………….

 

Schau,

das Leben macht dir einen Vorschlag:

 

Du nimmst dir eine schöne Blume

aus deinem Garten.

die Vase ist mein Geschenk dazu.

Das frische Wasser ist die Liebe,

die Gott immer neu verströmen lässt.

 

Welch wunderbarer Duft,

wenn du das alles

IHM zu Ehren

nun auf den Altar stellst.

 

…………………………………

 

Ich möchte

dir gerne etwas Kurzes sagen,

das lang anhält:

 

Schmatz!

 

Mmm!

 

Amen.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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