HERZENSKOHLENBECKEN

 

In Herzenskohlenbecken werfe ich mich,

winde mich

meinem unbekannten Gott entgegen,

sehe ihn martern und leiden zugleich

und erfriere

inmitten des Feuers

dunkel glühender Augen.

 

Herzenskohlenbecken

Ergießen sich über unser

Eisgeschlecht.

Das schwarze Haar fremder Sprache

Züngelt wie Geistesflammen

um den erstarren weißen Leib.

 

In Herzenskohlenbecken

Berge ich mich

und trinke den Duft dieser Haut

eines nahen Gottes

fremder Zunge

und fremden Geistes,

da wir das Leben

ins Abseits stellten.

 

Der grausame Folterer

Zeigt mit dem Finger auf mich

Und macht mir bekannt,

was aus seiner Liebeslust tropft.

 

Ich sinke nieder.

Ich bin besiegt.

Ein fremder Leib

legt sich auf mich

und belebt mein erstarrtes Herz.

 

Herzenskohlenbecken

werden Heimat

für die unbekannte

Seelensehnsucht.

 

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Du stirbst,

geliebtes Abendland

In Verwesung mündet deine hohe Kunst.

Krankheit ist dein Denken,

Siechtum deine Macht.

 

Du stirbst alt und senil.

Dein Todesstoß

War ständige Erhaltung,

das Gift in deinem Körper

ist die Abkehr vom Obelisken,

von den Rosetten

dunkler Blumen.

 

Du stirbst,

mein schönes Abendland.

Gespenstisch fahl ist deine Haut,

ein Hauch nur ist die Stimme

und taub waren deine Ohren immer schon.

 

Horch auf ein letztes Mal:

schwarze Amseln zwitschern vor den Fenstern.

Lustig funkeln ihre Augen,

unverständlich ist dir ihr Lied.

Niemals wolltest du sie Erben nennen,

nun bevölkern sie dein Haus

und freien deine Töchter.

 

Schwalben folgen

Und die Krähen:

vornehm, stattlich

und voll Lebenslust

zeugen sie in deinem Garten,

Abendland.

Deine Töchter singen fremde Lieder,

tanzen mit den Krähen

und pflanzen Palmen

auf dein Grab.

 

 

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Ein Morden steht in deinem Land.

Es heißt Gehorsam, Keuschheit.

Ein Morden pirscht sich an

Und macht sich breit,

da dein Land die Welt auffrisst.

 

Ein Morden macht sich häuslich

Hier in meinem Land,

es löst das Zittern ab

vergangener Zeiten.

Schon hat es ersten Fang gemacht,

als Menschen brannten,

Kinder nur noch schweigen konnten.

 

Nun setzt es an zu neuem Sprung;

Den Weltenfresser will es fressen.

 

Wer rülpst zuletzt?

 

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Heimat?

Fragte ich

Und dachte nicht an

Vaterland.

 

Mutterland vielmehr,

bergend,

mit aufmunterndem Lächeln,

mit dem Vertrauen,

das mich in die Welt

entlässt.

 

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Österreich zerfranst.

Ich sehe die Fahne wehen,

rot – weiß –rot,

zerfranst im Wind,

getrennt die Farben,

grau das Weiß.

Der Wind belebt schaurig

Diesen Totentanz.

 

Ich blicke

An dem mächtigen Gebäude hoch

Und nichts erinnert an Zerfall –

Betoniert stabil bleibt die Fassade,

wäre da nicht diese Fahne, die,

beschämt durch meinen Blick,

vom Wind verlassen,

nun auch das falsche Leben

noch verliert.

 

Ein letztes Mal

Zuckt kurz das Rot,

dann hängt das tote Zeichen

schlapp an der Stange.

 

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DEM INDIO

 

Deine Augen,

schwarz und traurig,

blicken und sehen

blicken und erkennen.

Schmerz!

 

Deine Augen,

schwarz und schön,

blicken und sehen,

blicken und erkennen.

Sehnsucht.

 

Deine Augen fragen,

deine Augen bitten.

 

Deine Augen leben,

deine Augen geben.

 

Dein Herz lebt.

 

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Es fragte mich das türkische Kind:

 

„DER Mund,

DIE  Nase,

DAS Auge –

 

Warum?“

 

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Ein kleiner Stein!

So dachte ich

Und hob die Perle staunend hoch.

 

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Ich fragte dich nach der fremden Sitte,

nach dem Warum der Fremdheit,

die da trennt.

 

Du lächeltest:

„Ja, fremd ist für dich die Sitte meines Volkes.“

 

Ich fragte dich nach dem fremden Recht,

nach dem Warum der Fremdheit,

die Unrecht ist in meinen Augen.

 

Du lächeltest mich an und sagtest:

„Ja, fremd ist für dich,

was wir als Recht bezeichnen.“

 

Ich fragte dich, warum du herkamst

in mein Heimatland –

und ich sah deine Augen.

 

So weiß ich nur:

Gut ist es, wenn du bleibst.

 

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So hab’ ich dich gering geachtet,

nicht geachtet

lange Zeit.

 

Ein Schatten warst du mir

und fremd im trauten Heimatland.

 

Die Strafe hat mich eingeholt,

hat meinen Stolz vernichtet

und mir das Herz verstört,

da ich nun schmachte

nach deinem Blick.

 

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DEN MENSCHEN

suchte ich

und fand ihn nicht

im Du

und nicht

in mir.

 

Nun zeigt das Suchen

seine Folgen,

da ich dich sehe:

 

Will ich den Schatz nun heben?

So muss mein Leben

neu beginnen.

Will ich so bleiben

wie ich bin,

so wollte ich

nie wirklich

finden.

 

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Warum läuft nichts auf strenger Bahn?

Warum bleibt meine liebe Ordnung,

die sorgfältigste Planung

nicht bestehen,

sobald du säuselst,

göttlicher Wind?

 

Dein Blick allein genügt,

und meine Festung

wird zum Kartenhaus,

Geist der Allmacht.

 

Nun aber schickst du mir

Auch noch den Sturm,

loderndes Feuer –

 

Ruhe und Labung

Jedoch nur

In dunklen Augen

Und den Armen

Eines Menschen

Fremder Sprache.

 

……………………………………………

 

Strafst du meinen Hochmut,

Gott,

oder willst du mich beschenken?

 

 

Ich bat dich,

mir das Leben zu erneuern,

da mein Herz so lang schon

starr und kalt gewesen war.

 

Du lässt mir Leben überbringen

Von kleinen dunklen Kobolden

Mit Engelswitz.

 

Ich bat dich,

meiner Liebe Gestalt zu geben,

Fleisch und Blut.

Du lässt mir Liebe strömen

Aus dunklen Augen,

lässt mich Verlangen kosten.

 

Strafst du meinen Hochmut,

Gott,

oder willst du mich beschenken?

 

………………………………

 

So also sieht es aus,

wenn Gott, der Herr, bestraft:

 

aus Missachtung

macht er Demut,

aus Ablehnung Verlangen.

Liebe macht er

Aus der Ignoranz.

Er macht Gefallen

Aus der Fremdheit.

 

So handelst du an mir,

du unbeugsamer Gott.

Schmunzelnd

Lässt du mein Herz

Sich nach dunklen Augen sehnen

Und wiegen meinen Leib

In jenen fremden Armen.

 

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Du, Heiliger Geist,

du Ungestümer!

Grenzen scheinst du

Nicht zu kennen,

dich kümmert nicht,

was uns hier heilige Mauern sind.

 

Mit einem Jauchzer

Fegst du sie hinweg,

zerzaust uns Herz und Sinn

und lachst wie Pan,

wenn wir Gold

von dunklen Augen trinken,

wenn unsere Lippen überfließen

von Küssen fremder Zunge.

 

So heißt du Pfingsten

Uns willkommen –

Du Schelm! –

Und freust dich

Über diesen Streich.

 

……………………………………………

 

Wie Kobolde sind sie,

die Kinder deines Volkes;

klug und gewitzt,

voll Temperament,

voll Leben.

 

Wie schwarze Perlen sind sie,

die Augen deiner Leute,

wie Nacht

voll Schwüle

und voll Lust.

 

Wie süßer Wein

ist deine Stimme,

Betäubung ist dein Blick.

Er fängt mich auf,

wenn ich niedersinke.

 

……………………………………

 

Vertrautheit

oder fernes Fragen,

Einheit im Geiste

oder Enttäuschung

nach der Glut?

 

Was wird uns erwarten,

vertrauter Fremder,

fremder Vertrauter?

 

Wirst du mir Mensch sein,

geliebt und tröstend,

wirst du Bekannter bleiben,

der Mauer ist,

von Schießscharten unterbrochen?

 

Ich wünschte,

wir könnten versinken,

beide,

im Blick der Erkenntnis!

 

………………………

 

Ich möchte dich erkunden

und begreifen

und möchte dich studieren

und zerlegen.

 

So stehe ich vor Einzelteilen

und kann nichts erkennen.

 

Komm,

du ganzer Mensch,

und lächle

ganz,

küsse mich

ganz

und liebe mich,

um mir die Einheit

zurückzugeben,

die ich bereits verlor.

 

………………………….

 

Die Unschuld habe ich verloren,

da ich nicht mehr glauben kann,

dass du mich wahrlich wertschätzt.

 

Die Liebe habe ich verloren,

da ich mich von dir

als Eigentum,

als Gegenstand

behandelt sehen würde.

 

Mein Auge sieht

Dein Lächeln, deine Glut –

Mein Herz jedoch,

es kann nicht mehr

an Wahrheit glauben.

 

Wirst du mein Neuerwachen

Begleiten können,

oder wirst du schließlich

vorübergehen

an meinem Schattendasein?

 

…………………………

 

Die Augen sind mir trüb,

ich sehe dich verschwommen,

da mein Herz

in fieberhaftem Wahn

dich zu ergründen sucht.

Doch so kann ich

Dich nicht begreifen,

erkennen kann ich jetzt

die Wahrheit nicht.

 

Wie blind und taub bin ich,

wie ein Säugling hilflos

dir hingegeben.

 

…………………………………..

 

Was du mir wirklich bist,

bleibt mir zutiefst verborgen.

Ich kann es ahnen, hoffen

oder ignorieren.

 

Ich kann es spüren,

doch flüchtig sind Gefühle,

wandelbar.

Beständig ist die Liebe.

Sie jedoch

kann ich mir nicht erdenken,

kann sie nicht ergründen.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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