Der Morgen, da ich tot erwachte,

war der Morgen,

da mir Schmerz und Enttäuschung

zu Hass versteinert waren.

Der Hass ist mir Korsett

für meine toten Glieder.

Mechanische Ohnmacht

regeln Bewegung, Tun und Denken.

 

Warum hast du mich getötet,

mich zum Zombie gewandelt?

Meine Liebe war am Sterben,

als ich deinen Blick empfing.

Deine Augen weckten

allerletzten Hoffnungsschimmer –

doch nur, um im Triumph zu sagen:

nicht an Siechtum starb die Liebe,

gemordet wurde sie

durch mich.

 

………………………………………

 

Ich will Erde sein,

Leben und Lust.

Getränkt von deiner Liebe

will ich erblühen.

Das Leben bewegt mich,

wenn dein Atem über mir weht.

 

Doch da du fort bist,

wurde ich kahl.

Öd wurde ich.

Fremd meiner eigenen Seele

liege ich brach

und zerstiebe

im Sturm

dieser Zeit.

 

…………………………..

 

Soll ich dankbar sein,

da ich das Leben

für zwölf Tage kosten durfte?

Bin ich undankbar,

da mich die Sehnsucht nun verzehrt

nach Leben,

erweckt durch deine Küsse?

 

Feuer wollte ich –

nun bin ich Asche.

Du hast mich nur verbrannt,

dann gingst du fort.

 

Bin ich unbescheiden,

da ich weder Moder

noch Asche sein will,

sondern ständige Glut

in deinen Armen?

 

……………………………………..

 

Die Hoffnung ist gestorben.

Leeren Feldern gleich

gähnt sie vor mir.

 

Langsam schlich sie sich davon.

Schritt für Schritt bewusst gesetzt.

Da sie fort ist,

liege ich brach,

erwarte Frost und Winter

als einzige Zier

auf meinem ausgedörrten Land.

 

……………………………………

 

Manchmal spüre ich noch

die kleinen Schmerzen.

Wenn Kinder lachen,

merke ich, wie tot ich bin.

Das tut weh – ein bisschen nur.

Sie lachen so weit weg von mir,

sie lächeln mir nicht zu.

 

Kinder,

weckt mich bitte nicht

aus meinem Totenschlaf!

Ich will den Lebensschmerz

nicht mehr ertragen.

 

…………………………..

 

Voll Weinen ist mein Herz,

mein Leib ein Schatten.

Um deine Flügel zu erkennen, Herr,

musste ich zum Schattenwesen werden,

zum Jammertal.

Mensch werden musste ich

in Liebe und in Sehnsucht.

Ich habe dieses Tal durchschritten

und Einsamkeit erlebt.

 

DU hebst mich empor

auf mächtigen Schwingen.

Ich blicke hinab

voll Trauer und Schmerz.

Da setzt du mich behutsam ab.

Du senkst mich herab

in diese Winterlandschaft,

wo ich nun liege

als glitzernder Gruß

für den Fernen,

wo ich liege

als Frost und Schnee.

 

…………………………………

 

Ich bin unendlich traurig!

Keine Worte finde ich

und kein wahres Lächeln.

Maskenhaft ist mein Gesicht.

Die Glieder sind mir bleiern.

 

War mein Leben denn so schwach,

dass du es allein durch dein Schweigen

aus meinem Körper trocknen konntest?

 

Die Liebe zu dir war noch zu jung,

um diesem Schweigen standzuhalten.

Versengt und ausgetrocknet

liegt sie nun brach.

Voll Kraft war ihre Saat gekeimt,

jedoch die Halme grünten nicht,

sie konnten keine Früchte tragen;

Regen und Sonne

hast du mir vorenthalten.

 

Der Sommer steht in voller Blüte,

mir aber brachte er Schmerz

und Dunkelheit.

Wo bleibt ihr,

Nebel, kalter Wind und Frost,

die ihr mich einhüllt

in die stumpfe,

allzu traute

Einsamkeit?

 

…………………………..

 

Niemand gibt mir

diese Liebe wieder.

Wer wird sie jemals wieder

in mir wecken?

Ich bin nun hingestreckt

auf kühler Bahre.

Die Blässe kleidet mich so gut.

Kein Lächeln verrät mich mehr

ans Leben.

 

Vorbei sind Glut und Sturm.

Nur die Gewissheit ist noch wach,

dass all das nun vergangen ist

und ausgestanden.

 

Ihr mögt sie Leben nennen,

doch sie ist nur Hülle,

hohl und stumm,

ohne Regung,

ohne Schmerz.

 

……………………

 

Drei offene Wunden klaffen

in meiner Seele:

 

Die Wunde des Lebens,

sie sollte mich stärken;

 

die Wunde des Sterbens,

sie sollte mich zu Höherem beflügeln

 

und die Wunde der Liebe,

sie sollte mich heilend machen.

 

Die Wunde des Lebens jedoch

stolperte über das Sterben.

 

Die Wunde der Liebe

riss alle drei immer wieder neu auf

 

Die Wunde der Liebe klafft

in meiner Seele.

Sie verwest nicht,

sie verkrustet nicht.

Sie brennt und blutet

Immer neu,

immer neu.

 

…………………………………….

 

Gewiss bist du nicht der Urgrund

meines Sterbens,

doch Auslöser,

das bist du bestimmt.

Du hast mich aus dem Bau gelockt,

hast mich gezähmt

in kurzer Zeit,

um mich dem Sterben neu zu geben,

da ich das Leben nun gekostet hatte.

 

Warum die Folter?

Warum der Schmerz?

Ist es nur das,

was du von mir wolltest?

 

…………………………………….

 

Alles was tot ist,

beneide ich aus tiefstem Herzen.

Mich zu töten wäre dem nicht gleich,

denn meine Hülle,

ja, die lässt sich morden.

Liebe und Schmerz jedoch

werden weiterleben,

Schmerz wird mich weiter quälen –

so muss ich ihn ertragen.

 

Keine Rache löscht ihn aus

und keine gute Tat.

Nicht einmal Zeit

vermag den Schmerz zu heilen,

den du in mich legtest,

da du meine Liebe

von mir warfst

und unser beider Liebe damit

verraten hast.

 

………………………………..

 

Nicht jeder Mensch

ist das Vertrauen wert,

das du ihm darbringst

in der Not.

 

Die Wände haben zwar keine Ohren,

doch auch keinen Geist,

durch den sie dein Vertrauen

verletzen, quälen können.

 

………………………………..

 

Es ist nur deswegen schlimm,

dass du keine Antwort gibst,

weil du ja auch keine Fragen stellst.

 

……………………..

 

Dem Tod so nah zu sein,

das ist erstarrend schön.

Die Starre hält mich davon ab,

den letzten Schritt zu tun.

 

Verschwunden ist die Zukunft.

Vergangenheit

legt sich als Nebelfeld auf mich.

Ich starre hohl und bin so leer, so kalt.

Es tut weh,

lebendig tot zu sein,

doch brennt es längst nicht so,

wie der Lebensschmerz.

 

Nun wird der letzte Schritt gegangen.

Wie werde ich ihn setzen?

Diese Frage ist nun meine stumpfe Zukunft.

Bis dahin entlehne ich mir

ab und zu ein fremdes Lächeln,

ein fremdes Wort –

weit weg von mir,

die ich doch gar nicht wirklich bin;

nur Hauch und Hülle,

nur Schein und Schmerz.

 

…………………………………..

 

Das schöne Böse in mir

will ich pflegen.

Nie mehr will ich lieben!

Nie wieder soll die Hoffnung

meinen Schritt beflügeln

oder Sehnsucht

mMeine Nächte füllen!

 

Nimm mich auf,

du Reich des Schattens,

leere meinen Blick

und nimm das Lächeln ab

von meinen Lippen.

 

Dir will ich gehören,

geisterhaft und hohl die Tage

vorüber gleiten lassen.

Nichts soll mich regen,

nichts bewegen,

damit mich Liebe und Enttäuschung

niemals mehr

erdolchen können.

 

…………………………………………..

 

Schöne Starre!

Tote Braut,

ausgelitten hast du

dieses Feuer.

Kein Lächeln,

keine Röte deiner Wangen

können dich verführen machen.

Nie wieder wirst du selbst verführt.

 

Die gute Blässe,

die stille Kälte

sind deine Buhlen.

Wunderbar kleidet dich das Grün,

meine weiße Blüte.

Moderduft ist das Parfum

für deine Hochzeitsnacht.

 

Schon wartet er,

der dunkle Tod.

Gelassen verscheucht er

letzte Kobolde

des Herzens und des Lebens.

Sie haben ausgedient

und können dich nicht mehr erreichen.

 

Still und unberührbar liegst du da,

du schöne Starre.

 

………………………………………….

 

Das Geisterreich,

es hat mich wieder.

Elfen öffnen mir das Tor

ins Schattenland.

Körperlos und nebelgleich

kehre ich zurück

ins Reich der wesenlosen Stummen.

 

Tote stehen schaurig schön

am Waldrand.

Sie stehen starr und blicken hohl

in meine Richtung.

Ihnen gleich

streife ich das Weltkleid ab,

das Menschenkleid,

das Schmerzenskleid,

das Kleid der Liebessehnsucht.

Ich lasse es bei dem zurück,

der es mich tragen lehrte.

 

Ich fühle mich nicht leicht und froh,

nicht frei und unbeschwert,

doch leer,

so leer,

dass Schmerz mich nicht mehr

rühren kann.

 

……………………………………..

 

Ich verließ die Geisterwelt

und stand an der Schwelle

zu Erde und Licht.

Dein Kuss lockte mich.

Er sollte mir Schlüssel sein

für das große Tor

zwischen unseren Welten.

Dein Lächeln verhieß mir

Sonne und Tanz.

 

Du küsst mich nicht mehr,

der Schlüssel ist fort.

Ich finde kein Tor,

keinen Weg und kein Licht.

Kein Geisterreich ruft mich,

die Erde verkennt mich.

Ich hänge im Leeren,

stumm und allein.

 

………………………………..

 

Du hast mich wieder, Elfenreich.

Ja, ich kehre nun zu dir zurück,

doch bin ich nicht die Selbe.

Mensch werden sollte ich,

und ich wagte in die Welt zu gehen.

Ich kostete weltliche Speise,

trank den Wein, die Lust,

doch auch die sehnsuchtsvollen Grenzen.

 

Die Welt hielt mich nicht lang geborgen.

Sie warf mich von sich,

entließ mich,

ohne mir ein Ziel zu geben.

 

So kehre ich zurück

ins Reich der Kindheit,

in mein Elfenreich

und bin so arm,

da sich Erfahrung beigesellt.

 

Nicht Elfe bin ich

und nicht Mensch;

Ein Zwischenwesen,

heimatlos und sehnsuchtsbang.

 

………………………………………………

 

Ich stelle mich ab

und mache mich blind und hohl.

Gegenständlich

gehe ich an dir vorbei.

Dich übersehen zu lernen

ist die Anstrengung

Meines Nicht Sein Wollens.

 

Da ich dich nicht lieben kann,

ohne sehnsuchtsschwer zu leiden,

stelle ich mich ab

und schalte mich aus

und mache mich blind

und bin nicht mehr

und bin nur Gegenstand

und hohl

und schmerzensfrei

und schmerzensfrei

und liebeleer

und liebefrei,

allein

und ungelebt.

 

…………………………………

 

Schweigend wächst das Krebsgeschwür,

schweigend sterben Fische

im verseuchten Fluss.

Schweigend warten Bomben,

Lüge schleicht sich schweigend an.

 

Schweigend wandtest du dich ab,

Gleichgültigkeit in dir,

sie hieß dich schweigen.

Schweigend nahmst du dann

mein Sterben wahr,

und schweigend widmest du dich

neuem Morden.

 

………………………………..

 

Wie wundersam schön sind Eisblumen am Fenster,

wie zierlich jeder Schneestern.

Leichtfüßig tanzt meine Seele

als Schneestern vor deinen Gedanken.

Edel ist mein Eisblumengruß

vor deinem Auge.

Zerflossen bin ich,

da du mich berührtest.

Vergangen bin ich,

da du dich nicht an mir labtest.

 

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Ich habe einen Freund verloren,

ein Freund hat sich von mir gewandt.

 

Mich selbst habe ich verloren,

da ich seine Stummheit

als Dolch erfuhr.

Meine Seele ist zersprungen,

wie klirrendes Glas

barst sie in mir.

 

Glasscherben sind die Tränen,

die ich weinen möchte.

Sie verletzen mich.

 

Meine Seele ist zersprungen,

da ich einen Freund verlor.

 

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Wenn ich Mensch sein will,

so muss ich zu dir finden,

mich in dir entdecken

und dich in mir.

Ich muss die Grenze

zwischen unseren Seelen achten

und doch die Einheit suchen,

die Einheit unserer Liebe.

 

So werde ich Mensch,

so werde ich erst ganz –

doch du bist fort.

 

Ich bin allein

und halb

und heimatlos

im Niemandsland.

 

…………………………………….

 

DEIN SCHREI

 

Dein Schrei peitscht mir entgegen,

wenn du schweigend

an meiner Seite sitzt.

Dein Schrei tut weh,

wenn ich deine stumme Traurigkeit sehe.

 

Ich will ihn hören, fühlen,

deinen Schrei!

Frei soll er sein,

die Mauern soll er bersten!

 

Du schaust mich milde lächelnd an,

berührst zart meine Hände

und hältst ihn hübsch verborgen,

deinen Schrei,

der dir das Herz verätzt.

 

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WINTER BIST DU MIR

 

Wie der erste Schnee,

so sanft,

bist du gekommen,

hast dich still auf mich gelegt,

hast mein Denken überdeckt,

mein Fühlen ganz

mit deinem Kleid umhüllt.

 

Du hast mich neu gestaltet,

durchdrungen hast du mich.

Als die Wärme uns umfing,

da bist du weggegangen,

in mich hinein

und von mir fort

hast dich aufgelöst,

hast dich entfernt.

 

Ich liege da in neuer Blüte

und bin doch einsam,

bin nackt und sehnsuchtsschwer

ohne deine weiße stille Liebe.

 

……………………………………

 

Triumphierend wandte ich mich ab.

Endlich, endlich war ich

dem Folterer entkommen!

Endlich schlich ich mich

aus seiner Burg!

 

Ich rannte um mein Leben,

stolperte und fiel.

Ich war verletzt und klein gemacht.

Weinend eilte ich davon

und fühlte mich verfolgt

von tausend Schergen

des Mächtigen,

des Folterers.

 

Auf der bunten Sonnenwiese

legte ich mein Haupt zur Ruhe,

schlief und träumte schwer.

Vogelgesang weckte mich.

 

Lächelnd öffne ich die Augen,

richte mich auf

und suche nun den Weg

zurück zur Burg,

da ich den Einsamen

nun ohne Schergen weiß

und ohne Foltergeist.

Ich weiß ihn einsam,

weiß ihn sehnend.

 

Ich weiß mich sehnend,

weiß mich einsam.

 

……………………………………

 

Wo ist der Mensch,

der mich zu lieben weiß?

Wo ist der Mensch,

der Antwort gibt

auf meine Hoffnung,

meine Zärtlichkeit?

 

Ich hungere nach ihm,

den ich nicht kenne,

mich dürstet nach dem Menschen

meiner Sehnsucht.

Wo finde ich den Menschen,

der Liebe zu empfangen weiß

und Liebe gibt –

für mich?

 

Mein Garten ist so reich

an Blumen aller Art,

an Vögeln, Sonne,

an Wind und Ruhe,

Tanz und Geselligkeit.

Doch fehlt mir dieser eine Mensch.

Für ihn würde ich gerne

den Garten gegen Wüste tauschen,

gegen steile Pfade auf kahlem Stein.

 

Er ist mein Blühen,

Wachsen und Gedeihen.

Er ist mein Lebenswunsch,

und nur in ihm gewinnt mein Garten

Sinn und Freude.

 

Wo finde ich ihn,

den Menschen meiner Sehnsucht,

 

den Menschen meiner Liebe?

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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