Abgelehnt

 

Auf dem Weg in die Arbeit kam ich immer wieder an einem Straßenmusiker vorbei. Sein Spiel gefiel mir sehr gut, darum gewöhnte ich mir an, täglich ein bisschen bei ihm zu verweilen und das zu genießen. Ab und zu warf ich ihm eine Münze in den Gitarrenkoffer. Dann nickte er mir zu und lächelte freundlich. Manchmal plauderte ich sogar mit ihm. Mehr und mehr fing dieser sympathische Musiker an, ein erfreulicher Teil meines Alltags zu werden. Ich merkte auch, dass viele Leute kamen, nur um ihn spielen zu hören. Seine Musik, aber auch seine freundliche Ausstrahlung erfreuten viele Menschen, so auch mich. Ich begann, diesen Musiker lieb zu gewinnen. Ihn zu kennen, bereicherte mein Leben.

 

So beschloss ich eines Tages, 100 Euro in seinen Koffer zu legen. Natürlich war das eine Summe, die für mich viel war, umso mehr freute mich der Gedanke, dass diese Gabe eine besonders große für den Musiker sein würde. Ich legte ihm etwas verlegen aber auch feierlich den Geldschein in den Koffer und lächelte ihm zu. Er unterbrach sein Spiel, schaute mich streng an und sagte: „Das ist keine angemessene Summe. Ich nehme nur Münzen an, außerdem spiele ich vorwiegend, um die Menschen zu erfreuen. Das ist meine Aufgabe und mein Wunsch. Du bist eine dieser vielen Personen, die sich an meiner Musik erfreuen können. So soll es sein und nicht anders.“ Ziemlich irritiert antwortete ich ihm: „Aber Geld ist immer ein nützliches Gut. Jeder Mensch kann Geld brauchen, jeder Mensch muss sein Leben bestreiten. Ich dachte, wir sind einander vertraut genug.“ „Nein, diese Art Vertrautheit ist hier unpassend. Nimm das Geld bitte wieder mit. Ich will es nicht“, antwortete der Musiker sehr ernst. Ich nahm das Geld und ging nachdenklich weg.

 

Die 100 Euro schienen mir nun wie eine Last. Ich wollte sie weder behalten, noch jemand anderem schenken. Mir wurde bewusst, wie reich ich eigentlich bin, denn viele 100 Euro könnte ich verschenken, wenn ich wollte. Doch ich haushalte mit meinem Gut und wähle sehr bewusst, wem ich es widme und wofür ich es verwende. Nun aber war mir, als sei es nur in den Händen jenes Musikers sinnvoll angelegt.

 

Später kam ich an einem Clown vorbei, der Ballonblumen gegen eine Spende verteilte. Er war hübsch anzusehen und plauderte sehr freundlich mit mir. Ich schenkte ihm zehn Euro, eine Summe, die ich sonst nie an solche Leute der Straße spende. Dafür erbat ich mir von ihm aber, in sein Abendgebet eingeschlossen zu werden. Er versprach es gern und überzeugend. So hatten wir beide etwas davon.

 

Dann kaufte ich meinem Sohn ein Buch, das ihn interessierte und von einer Freundin geschrieben worden war. Sie würde ihm eine liebevolle Widmung schreiben und sich über meinen Kauf freuen. Ich würde mich über ihre Freude freuen und darüber, was mein Sohn über das Buch denkt. Wir hatten also alle drei etwas davon.

 

Einem jungen Bettler schenkte ich dann noch fünf Euro, obwohl ich bei solchen Gelegenheiten, wenn überhaupt, höchstens einen Euro riskiere. Bei guten Musikern manchmal auch zwei. Vom Bettler erbat ich mir aber ein Lied, denn ich kam mir direkt ein bisschen blöd vor, ihm so viel zu geben. Er sang kläglich „O Tannenbaum“ und das im März, benötigte aber bereits nach „…wie grün sind deine Blätter“ meine Hilfe. Das gemeinsame Ständchen machte uns beiden aber Spaß und der junge Mann hatte vielleicht das Gefühl, etwas für das Geld geleistet zu haben.

 

Etwas besser gelaunt ging ich weiter und kaufte mir schließlich so ein Cremedingsda, so etwas Vanilliges Süßes. Das konnte ich nun nach der Enttäuschung durch „meinen Musiker“, die ich ehrlicherweise in mir spürte, gut brauchen.

 

Zu Hause gab ich die Cremespeise in den Kühlschrank, um sie erst später gemütlich zu genießen. Dazu kam ich aber erst am nächsten Tag. Ich nahm einen kleinen Löffel, damit ich nur ganz langsam und bewusst jeden kleinen Happen auf der Zunge und im ganzen Mund spüren konnte. Und es fühlte sich ganz wunderbar an, so weich und so überaus köstlich. Bissen für Bissen gönnte ich mir diesen Genuss, diesen Trost. Die Lippen empfingen sehr aufmerksam jeden Löffel voll und streiften das Süße ab. Die Zunge leckte über die Lippen, wenn kleine Reste der Vanillecreme daran haften blieben. Der Musiker fiel mir ein und seine unsinnige Askese. Ich dachte an seine schönen Lippen, an die Hände, die so geschickt über die Seiten huschten und wunderbare Klänge hervorlockten. Ich dachte an den wohlgeformten Körper des Mannes, der meine Großzügigkeit von sich gewiesen hatte. Und so löffelte ich andächtig die weiche Süßigkeit.

 

Es gibt so viel Süßes, Schönes, Gutes. Ich habe die Mittel, so viel an Freude zu erwerben. Zukünftig werde ich wohl einen anderen Weg wählen, wenn ich zur Arbeit fahre, damit ich nicht zu oft an diesem Musiker vorbeikomme. So kann ich mich besser von der Enttäuschung erholen. Man sagt zwar, dass jede Enttäuschung das Aufdecken einer Täuschung sei und deswegen gut. Ich finde aber, dass es berechtigt ist, Gutes zu erwarten, wo Gutes geschenkt wird. Es ist auch in Ordnung, Nähe oder Vertrauen oder Freundschaft zu erwarten, wo all das ja bereits erlebt wird. Wenn das Bekenntnis dieser Lebenswahrheiten dann aber anders ausfällt, als die Erfahrung, so sehe ich darin keine Ent-Täuschung, sondern ganz einfach nur Irritation. So war ich also irritiert, als ein Straßenmusiker zwar Münzen annahm, aber keinen größeren Geldschein. Auch Irritation braucht eine Zeit der Heilung, vielleicht sogar der Trauer. Dann aber geht man um eine Erfahrung reicher weiter und sieht auf einmal alles klarer, wie nach einem erfrischenden Regen.

 

Der Clown fiel mir ein. Er hatte wirklich lustige Augen und ein freundliches Wesen.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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