BESUCH

 

Margit schlürfte gemütlich in Pyjama und Morgenrock den Nachmittagskaffee, während im Fernseher eine der vielen Serien lief, die sie so nebenbei verfolgte. Gleichzeitig blätterte sie in einer alten Zeitschrift und überlegte, ob es sich noch auszahlte zu duschen. In ungefähr drei Stunden würde das Abendprogramm beginnen und sie würde es vom Bett aus verfolgen. Sie konnte ja morgen beim Aufstehen duschen, das würde sie gleich ordentlich munter machen. Aber hatte sie das nicht schon gestern gedacht – und vorgestern? Sie hob den Arm und schnüffelte. Das Duschen konnte warten. Außerdem, wen kümmerte es? Es war so herrlich, so bequem und wunderbar seit sie in Pension war! Keine Termine, kein Druck, keine Begegnungen, die sie nicht wollte… Nun ja, in letzter Zeit eigentlich gar keine Begegnungen mehr, auch nicht solche, die sie gewollt hätte. Welche wären das? Ihre Freundin Annemarie die beiden Kinder mit ihren Familien, ihre Schwester Hedwig. Margit dachte nach, doch es fiel ihr niemand mehr ein, den sie gerne sehen wollte. Seit sie vor nunmehr über dreißig Jahren geschieden war, hatte es auch keine Herrenbekanntschaften gegeben, überhaupt keine. Sie hatte auch kein Verlangen danach gehabt, früher nicht und nun schon gar nicht.

 

Ihre Freundin Annemarie konnte sie ja irgendwann mal wieder anrufen, Hedwig ebenso. Aber eigentlich könnten die beiden sich ja auch bei ihr melden. Und die Kinder samt Enkel und Partnern würde sie ohnehin zu den nächsten Festtagen sehen. Weihnachten war vorbei. Also dann zu Ostern. Erleichtert sah sie am Kalender, dass es noch ganze zwei Monate bis dahin sein würden. So schön die Begegnungen auch waren, fand Margit sie auch ziemlich anstrengend. Vor allem seit sie nicht mehr berufstätig war, schien Kommunikation für sie immer ungewohnter und mühsamer zu werden. Viel lieber saß sie zu Hause und sah fern. Manchmal las sie ein Buch und genoss den Gedanken, dass sie Spannendes weiter lesen konnte, so lange sie wollte, ohne auf die Uhr zu schauen. Einmal hatte sie drei Tage im Bett verbracht bei Käsebroten und Kaffee oder Wasser, weil sie das Buch nicht aus der Hand legen konnte, so spannend war es gewesen. Sie hatte dabei gar nicht darauf geachtet, ob es Tag oder Nacht war. Danach hatte sie fünfzehn Stunden durchgeschlafen und war um zwei Uhr morgens aufgewacht. Es hatte dann einige Tage gedauert, bis sich ihr Schlafrhythmus wieder halbwegs normalisiert hatte.

 

Sie schlurfte zur Tiefkühltruhe und holte Brot für den nächsten Tag heraus. Draußen begann es zu regnen und es pfiff heftiger Wind ums Haus. Margit öffnete kurz das Fenster. Der kalte Luftzug erfrischte sie und verdeutlichte ihr die warme Gemütlichkeit der Wohnung noch mehr. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an die armen Geplagten, die jetzt durch die Gassen eilten bei dem Sauwetter. All das blieb ihr erspart. Wenn sie wollte, musste sie nicht einmal zum Einkaufen hinaus. Man konnte sich Lebensmittel und überhaupt alle Waren wie Waschpulver, Duschgel, was auch immer liefern lassen. Herrlich! Bei der Gelegenheit schaute Margit prüfend in den Kühlschrank. Erleichtert stellte sie fest, dass sie frühestens in zwei Tagen wieder beim Supermarkt anrufen musste...

 

 

(Die ganze Geschichte erscheint im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA")

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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