DAS  STRAHLEN  DER KUHFRAU

 

 

Ich heiße Renate Killinger und bin Sekretärin in einer großen Firma. Meine Kollegin Monika Bayer wurde einige Wochen nach mir in der Firma angestellt und sehr bald  nannten wir sie unter uns allen nur ‘die Kuhfrau’. Sie hatte große ausdrucklose hervorquellende Augen. Auch ihre Mimik verriet nie Gemütsregungen, Lebenserfahrung oder Persönlichkeit.

 

Sie schien einen Tag nach dem anderen zu leben so wie er kam, ohne Erfahrungen zu sammeln oder zu verwerten. Sie war - nun, ich will es so ausdrücken, wie wir es unter uns Kollegen auch nannten, - sie war recht dumm, einfältig, schlicht in ihrer Art und ziemlich langsam von Begriff. Wir wunderten uns über ihren guten Posten, denn wie von uns  erwartet, entsprach sie nur sehr mangelhaft den Anforderungen ihres Aufgabenbereiches. Nicht selten sprangen Kolleginnen oder sogar ich ein, wenn sie nicht zurechtkam und überfordert war.

 

Ich sage deswegen `sogar ich´, weil ich nicht der Typ bin, der gern hilfsbereit zur Seite steht, wenn jemand das nicht zuwege bringt, wofür er bezahlt wird. Ich hatte im  Geheimen eine regelrechte Aversion gegen die Kuhfrau, was nur durch die Kollegen etwas abgemildert wurde, weil sie durch ihre Witzeleien über die Kuhfrau immer wieder Heiterkeit verbreiteten. Natürlich verhielten wir uns ihr selbst gegenüber diskret.

 

So diente uns die Kuhfrau zumindest als Pol für unsere Sticheleien und Witzeleien. So manches verletzende Wort unter uns wurde vermieden, weil wir ja nun ohnehin die Kuhfrau als Sündenbock und Blitzableiter hatten. Das schien mir in meiner rationalen Denkungsweise zumindest ein Nutzen zu sein. Sie war ständig von ausgesuchter Dankbarkeit und Unterwürfigkeit, was meine Abneigung gegen sie nur noch steigerte. Ich benahm mich ihr gegenüber natürlich höflich, aber distanziert und - wie ich heute zugeben muss - herablassend.

 

Nach zwei drei Jahren hatten wir uns alle auch an die Kuhfrau gewöhnt. Sie war unverheiratet, kinderlos und lebte bei ihrer Mutter. Darüber hinaus habe ich kaum mehr über ihr Privatleben erfahren. Es interessierte mich auch nicht. An unseren Betriebsausflügen und Feiern nahm sie zwar teil, aber wie in der Arbeit war sie auch da im Abseits und eine Einzelgängerin. Natürlich gab es unter uns Kolleginnen auch immer wieder solche, die gerne jemanden bemutterten, aus welchen Gründen auch immer. Solche `Liebesdienste´ verstärkten aber die Unterwürfigkeit und übertriebene Dankbarkeit der Kuhfrau, was ich fast unerträglich fand.

 

Ich für meinen Teil hatte es mittlerweile gelernt, sie mehr oder weniger zu ignorieren. Nur wenn die Rede auf sie kam, wurde sie mir wieder bewusst. Ich war zu jener Zeit außerdem sehr beschäftigt, sowohl privat als auch beruflich. Es gab konkrete Aussichten zu einer Beförderung, abgesehen davon war ich voll Engagement und Interesse bei der Sache. Ich mochte meine Tätigkeit sehr. Privat bahnte sich eine neue Beziehung an, nachdem ich bereits fünf Jahre allein gelebt hatte. Zwar war ich vorsichtig geworden und wagte nicht gleich, dem Glück zu trauen, doch konnte ich mich gegen das wohlig flaue Gefühl im Bauch beim Gedanken an meinen Freund nicht ganz wehren. Sehnsucht und Freude nahmen von Tag zu Tag zu. Wir trafen uns immer häufiger. Mit all dem war ich also beschäftigt und dachte wirklich am allerwenigsten an die Kuhfrau.

 

Es war ein verregneter Montag voll der schlechten Laune. Es war der Montag, nachdem mir mein Freund am Wochenende mitgeteilt hatte, dass er verheiratet und Vater sei. Seine Beteuerungen, den Kontakt zu mir nicht verlieren zu wollen, schienen mir wie ein zusätzlicher Hohn zu sein. Bleiern lastete die Enttäuschung auf mir. Nicht einmal die Arbeit konnte mich ganz ablenken.

 

Ich betrat die große Halle, wurde von einigen Kollegen freundlich begrüßt und hatte Mühe, meine schlechte Laune im Zaum zu halten. Schon die ganz allgemeine oberflächliche Höflichkeit verlangte mir Mühe ab, wo ich doch sonst als besonders korrekt und höflich galt. Hinter mir ging die Kuhfrau. Einige der Kollegen grüßten sie und es wurde mir sonderbarerweise trotz meiner trüben Stimmung bewusst, wie unterschiedlich die Kuhfrau und ich begrüßt wurden. Das musste auch ihr auffallen. Es war unmöglich, so etwas zu übersehen. Ich wurde regelrecht empfangen von meinen Kollegen, die Kuhfrau hingegen gerade noch mit einem `Grüß dich´ bedacht, damit sie nicht so ganz leer ausging.

 

Lange hielt ich mich mit dieser Beobachtung aber nicht auf. Sofort eilte ich zum Kaffeeautomaten und nahm mir einen großen Mokka. Ich erhoffte mir zumindest davon etwas Energie und Aufmunterung. Auch die Kuhfrau stellte sich zum Automaten. Ich hatte den Eindruck, dass sie in meiner Gegenwart verlegen wirkte. Das wunderte mich nicht wirklich, denn im Grunde war ich mir meiner Haltung ihr gegenüber sehr wohl bewusst. An diesem Morgen aber war offenbar auch sie recht gedankenverloren, allerdings in froher Stimmung. Sie lächelte zwar nicht, aber ihre Ausstrahlung hatte etwas Gefestigtes, eine innere Heiterkeit, die ich sonst nie an ihr wahrgenommen hatte.

 

Der Vormittag nahm seinen Lauf. Es gelang mir, mich so weit in die Arbeit zu vertiefen, dass ich wieder einigermaßen gefasst war. Gegen Mittag fiel mein Blick zufällig auf die Kuhfrau, die gerade einige Akten ordnete. Irgend etwas hielt meinen Blick auf sie gebannt. Sie stand gelassen da und mir war, als sehe ich sie strahlen. Nicht dass ich ein Licht oder so gesehen hätte, aber ich spürte eine strahlende Kraft von ihr ausgehen. Ich war gezwungen, fasziniert zu ihr hinzuschauen. Die Kraft, die ich von ihr herströmen spürte tat deutlich wohl. Unwillkürlich atmete ich tief durch. Ich konnte den Blick nicht von ihr wenden, obwohl er mir bereits peinlich war. Niemand schien es aber zu registrieren. Auch die Kuhfrau blickte nun zu mir herüber, erstaunt und doch fest und mit feierlichem Ernst. Nur einige Augenblicke lang blickte sie mich so an. Schließlich schloss ich die Augen, ohne das Gesicht von ihr abzuwenden. Ein zartes wohliges Rieseln lief über meinen Rücken. Plötzlich erfüllte mich eine so große Dankbarkeit für die Existenz dieser Frau, für diesen Blick, für diesen Moment der Erneuerung und des Strahlens, dass mir Tränen aufstiegen, heiße Tränen der Befreiung.

 

Als ich die Augen wieder öffnete, wandte sich Monika Bayer gerade ab. Sie musste mit den Akten an mir vorbeigehen. Ich spürte den leichten Wind, den sie dabei verursachte und erhob mich, um hinauszugehen. Auf der Toilette ließ ich lautlos den heißen Strom von Tränen über meine Wangen kollern - und das tat unendlich gut. Ich wusste nicht, was geschehen war und fragte auch nicht danach. Ich nahm diese Erfahrung einfach an, wie sie kam.

 

Vor dem Spiegel versuchte ich dann doch, meine Gedanken zu ordnen und zu analysieren, was da in mir vorgegangen war, doch mein ganzes Sein rief mir zu: bewahre die Ruhe und Ganzheit! Flüchte nicht gleich wieder in dein verkopftes Denken. Ich blickte mir in die Augen und mir war, als sähe mich aus dem Spiegel Monika Bayer an in all ihrem wärmenden Strahlen, wie ich es vorhin erfahren hatte. Dieser Anblick war so schön, so wohltuend! Ich wurde von Frieden erfüllt.

 

Den ganzen Tag lang beschäftigte mich diese Frau. Sie lenkte mich sogar von meiner Liebesenttäuschung ab, einen klaren Gedanken konnte ich aber in Bezug auf sie nicht fassen. Ich wusste nicht, ob ich sie nun mochte oder ablehnte. Und wenn ich sie mochte, wie konnte ich das vor mir begründen? Sie war ja nach wie vor genau so langsam und naiv wie immer. Doch ihr Strahlen kehrte wieder und wieder in mein Bewusstsein zurück, die Einheit in jenem Moment, da wir uns anblickten; ich konnte mich gegen diese Sympathie nicht wehren. Es war mir unmöglich geworden, die Kuhfrau abschätzig zu betrachten, im Gegenteil. Ich empfand Respekt vor ihr. Auch vor den Kollegen konnte ich diesen Respekt nicht verbergen, doch ich hütete mich, nun als Monikas Fürsprecherin aufzutreten.

 

Unser Kontakt blieb weiterhin distanziert, wenn auch von anderer Qualität. Manchmal wünschte ich, sie wieder vergessen zu können, da ja doch keine Freundschaft mit ihr für mich in Frage kommt. Doch das Verständnis, das ihr Strahlen in mir erweckt hatte, zwingt mich, sie zu mögen.

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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