Das Tier 

 

Zwei Kinder spielten oft gemeinsam. Sie scherzten, lachten, hatten Spaß. Ihre Geheimnisse vertrauten sie einander an und hatten Freude aneinander. Schön war es für jeden, den anderen zu kennen. 

 

Das eine Kind schenkte dem anderen Blumen, schrieb ihm kleine Briefchen, zeichnete ihm Bilder. Es wollte den anderen in jeder Weise erfreuen. 

 

Das andere Kind nahm diese Gaben gerne entgegen, bewahrte sie in einer Lade auf, sagte aber nichts dazu. Es lächelte den Freund lieb an, das war alles. Die Lade füllte sich nach und nach mit kleinen Geschenken, die allerdings mit der Zeit seltener wurden. Das beschenkte Kind nahm sie trotzdem ohne große Regung hin als freundliche Selbstverständlichkeit. 

 

Dann war es zu Ende mit Aufmerksamkeiten. Die Kinder wurden größer, ernster und zerstreuter. Jedes wandte sich seinen Pflichten zu und seinen Vorlieben. Sie tauschten sich nicht mehr aus und lächelten einander nur noch aus der Ferne zu. 

 

Schließlich endete die Zweisamkeit ganz. Sie war Vergangenheit geworden, war abgestorben wie eine Pflanze ohne Wasser und Sonne, wie ein Talent, das man nicht pflegt, wie ein kleines Tier, das man verhungern lässt. 

 

Schade eigentlich.

Das Tier hätte freudig leben können und vielleicht auch andere erfreut.

  

 

Es geht nicht alles

 

Ich kann nicht auf hohe Berge klettern, nicht auf dem Seil tanzen und auch keine Sopranarien singen. Den Spagat kann ich auch nicht mehr und nicht Motorrad fahren. Ich kann nur wenige Sprachen und die nicht alle allzu gut (bis auf Deutsch hoffentlich). Und ich kann nicht tauchen.

 

Darum ist es mir verständlich, dass es Menschen gibt, die nie singen. Doch ich bedauere das sehr für sie, denn singen ist beglückend.

 

Dann gibt es welche, die nie Opern hören, Gedichte lesen, Träume deuten. Auch das tut mir für jene Leid, denn in meinem Leben sind das Dinge, die mich sehr bereichern.

 

Es gibt auch Menschen, die nie in enger Beziehung zu jemandem leben, nie zärtlich sind, so ganz intim. Es geht ihnen bestimmt nichts ab, denn sie wissen ja nicht, was sie entbehren.

 

Ich muss gestehen, dass auch ich erst in sehr reifen Jahren den Wert des Freundes Körper erkennen durfte und die Begegnungsmöglichkeiten, die er uns bietet.

 

Dank sei ihm!

 

Ich will ihn nun mehr achten als zuvor, ihm Respekt zollen.

Er wurde mir von Gott so liebevoll geschenkt.

 

 

Die Blumen

 

Ein Bauer sah, dass seine Frau Blumen gepflanzt hatte. Sie strahlten bunt und dufteten am Rand der Beete mit Karotten, roten Rüben, Sellerie und Karfiol. Verärgert schimpfte er die Frau, die für so Unnötiges Zeit und Platz verschwendet hatte.

 

Die Frau war traurig darüber und meinte: „Die Blumen spende ich der Kirche. Dort sollen sie stehen vor dem Altar.“ Dagegen konnte auch der dumbe Bauer nichts mehr sagen. Er murrte nur.

 

Die Blumen blühten Gott zur Ehre und zur heimlich gelebten Freude der Bäuerin.

 

Wie eng die Gaben Gottes oft betrachtet werden, wie verzweckt. Gott will die Fülle für uns, die Freude, die Unbeschwertheit. Hätte er uns sonst den Sinn gegeben, Schönes als beglückend zu empfinden?

 

 

Keine Rosen

 

Ein Mann pflanzte eine Apfelplantage auf seinem Besitz. Seit frühester Kindheit schon kannte er die heilsame und wohltuende Wirkung dieser gesunden Frucht. Darum war es ihm eine besondere Freude, dass seine Äpfel so prächtig heranreiften und so wunderbar schmeckten. Großzügig beschenkte er jeden damit, der des Weges kam. Trotzdem konnte er von dieser Plantage gut leben.

 

Seine geheime Leidenschaft waren aber die Rosen. Er liebte ihre üppigen Blüten, die sich so geheimnisvoll öffneten und bereits als Knospen wunderhübsch waren. Er liebte ihren Duft und atmete ihn jedes Mal beglückt ein, wenn er am Garten der Nachbarin vorbeikam. Sie freute sich über seine Freude und darüber, dass ihre Rosen so gut auf ihn wirkten. Manchmal schnitt sie eine ab und schenkte sie dem Nachbarn. Er nahm sie verschämt und auch erfreut entgegen und beschenkte seinerseits die Nachbarin mit einigen frischen Äpfeln.

 

Zu einem besonderen Anlass schenkte ihm die Frau schließlich einen ihrer schönsten Rosenstöcke. Sie hatte ihn sorgsam ausgegraben und in einem Kübel voll feuchter Erde zum Nachbarn gebracht, damit er ihn am Rand seiner Plantage gleich einpflanzen könne. Er betrachtete sehr überrascht und irgendwie irritiert das Geschenk und auch die Frau. Schließlich sagte er: „Ich kann mich nicht um Rosen kümmern, wenn ich doch sorgsam auf meine Apfelplantage achten muss. Das verlangt viel Arbeit und Aufmerksamkeit!“ Die Frau lachte und meinte: „Der Rosenstock ist kräftig und gesund. Sobald er gepflanzt ist, genügt es, ihn zunächst ab und zu mit Wasser zu versorgen, ihn im Frühjahr etwas zurück zu schneiden und im Winter mit Jute oder Baumwolle zu umhüllen, damit er vor der Kälte geschützt ist.“ Sie lächelte noch immer gut gelaunt im Wissen um die Bedeutung eines so persönlichen Geschenkes.

 

Nein danke“, entgegnete der Mann aber etwas distanziert. "Rosen und die große Aufgabe für meine Früchte, das verträgt sich nicht. Ich muss Prioritäten setzen." Die Frau war so überrascht, dass ihr keine Antwort einfiel. Darum ging sie enttäuscht nach Hause und pflanzte den Rosenstock wieder sorgsam ein. Natürlich hatte er durch die Prozedur etwas gelitten, doch nach und nach erholte er sich und blühte schöner denn je.

 

Der Plantagenbesitzer widmete sich weiterhin hingebungsvoll seinen Apfelbäumen, blieb weiterhin großzügig und freundlich. Allerdings konnte er sich nun an den Rosen der Nachbarin nicht mehr so richtig freuen, weil ihm ihr enttäuschtes Gesicht immer in Erinnerung gerufen wurde, wenn er die schönen Blüten sah und ihren süßen Duft einatmete. Und manchmal fragte er sich, ob es denn wirklich nötig gewesen war, auf die Rosen zu verzichten, nur weil er sich um seine Apfelplantage kümmerte.

 

 

Der Gärtner

 

Ein Gärtner war mit der Gabe des Heilens gesegnet. Auch kannte er alle Heilpflanzen, Teesorten und wohltuenden Kräuter. Er liebte die Natur, darum offenbarte sie ihm gerne ihre nützliche Wirkung. Viele Menschen suchten den hilfsbereiten freundlichen Gärtner auf und niemanden schickte er weg. Er hörte sich die Sorgen aller an und hatte stets ein hilfreiches Wort für jeden.

 

Die Freundin dieses bemerkenswerten Mannes war Schafhirtin und viel draußen in der Natur und bei ihren Tieren, die sie liebte. Beide waren dankbar und glücklich über Gottes Schöpfung und über den Reichtum, der täglich neu da war: das frische Wasser, die ersten Sonnenstrahlen am Morgen, das vielfältige Vogelgezwitscher im Gebüsch, der erfrischende Wind am Abend, ja, und die Zärtlichkeiten zwischen ihnen beiden.

 

Immer wenn die Frau ihre Tiere auf die Weide führte, rief sie dem Freund einen Gruß zu. Er antwortete meist nicht, weil ständig Leute bei ihm waren, die seine Hilfe brauchten oder weil er so vertieft war in die Pflege junger Setzlinge. Wenn sie abends die Herde wieder heimführte und an seinem Garten vorbeikam, brachte sie ihm meist etwas mit. Mal eine Hand voll Heidelbeern oder wilde sehr aromatische Erdbeeren, die sie behutsam in ein großes Blatt gewickelt hatte. Dann wieder einige Pilze aus dem Wald, der an ihre Weide grenzte oder Bärlauch, Waldmeister, Zyklamen oder Maiglöckchen. Manchmal brachte sie ihm einfach eine Umarmung und einen herzlichen Kuss.

 

Der Gärtner freute sich über ihre Aufmerksamkeiten, legte sie aber meist zerstreut beiseite und sagte nichts dazu. Sie waren ihm bereits Routine geworden. So sehr, dass er gar nicht merkte, wie seine Freundin immer seltener grüßte, immer seltener etwas mitbrachte und schließlich gar nicht mehr bei ihm vorbeischaute. Sie hatte sich gekränkt über seine Nachlässigkeit. Auch wenn sie seine Fähigkeiten und seine Hilfsbereitschaft bewunderte, hätte sie doch gedacht, dass sie zumindest gleich viel Bedeutung für ihn habe, wie all die anderen, für die er da war. Insgeheim hatte sie sogar gehofft, dass sie ihm  mehr bedeutete, denn er war für sie das Wichtigste, er war für sie die Liebe.

 

Es fiel ihm aber auch nicht auf, dass sie  gar nicht mehr kam. Irgendwie hatte er zwar schon das Gefühl, als sei da eine undefinierbare Leere plötzlich in seinem Leben, doch er war zu beschäftigt, um sich darum zu kümmern.

 

Die Schafhirtin hatte nach einiger Zeit der enttäuschten Trauer einen Schafhirten geheiratet und war mit ihm glücklich geworden. An den Gärtner dachte sie nur noch selten und er war ihr nun nicht mehr als jemand, von dem sie einmal gelesen hatte.

 

Der Gärtner wurde alt und etwas schrullig. Er ging gerne allein im Wald umher und sammelte Bärlauch, Maiglöckchen, Pilze, Waldmeister und besonders gerne Heidelbeeren und wilde Erdbeeren. Diese Dinge machten ihn rührselig und glücklich, er wusste aber gar nicht mehr warum. Niemand durfte ihn dabei stören. Überhaupt war er mit der Zeit etwas menschenscheu geworden und schenkte den Leuten lieber abgepackte Tee- und Kräutermischungen gegen ihre Leiden, anstatt sie lange zu beraten. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass die Tiefe seiner Worte und Intuitionen ohnehin nur von ganz wenigen verstanden wurden. Außerdem gewann er mehr und mehr das Gefühl, als habe er etwas Wichtiges vergessen oder versäumt.

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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