Dasda

 

Mein Leben war immer schon großartig gewesen; Freiheit, jederzeit gutes Essen, angenemes Wetter, halbwegs annehmbare und oft auch hilfreiche Kolleginnen und Verwandte. Alles in allem großartig. Überhaupt fühlte ich mich freier und selbstbewusster, als die meisten meiner Freundinnen, weil ich mich nie der kindischen Torheit hingab, mich an einen Herrn anzuhängen, mit ihm herumzuschwärmen, mich vom Rest abzusondern und gurrend wie die lächerlichen Tauben dahin zu schmachten. Alle Liebe und Freude die ich brauchte, fand ich in mir und im Wind, in den Sonnenstrahlen, den erfrischenden Morgenstunden und, ja ich gebe es zu, in den Leckerbissen überall hier an der immer reich gedeckten Tafel, die so viele Stadt nennen. Zum Schauen und Genießen ist das, was gemeinhin „Land“ genannt wird zwar schöner und auch kulinarisch durchaus ansprechend, vielfältiger aber ist die Stadt und oft auch aufregender.

 

Ich hatte ein Hobby, manche meiner Gruppe nannten es bereits eine Leidenschaft: Da gibt es diese unbeholfenen plumpen Riesen hier überall. Sie geben unangenehme Geräusche von sich und scheinen ohne jeglichen Verstand zu sein. Das einzig Brauchbare an ihnen ist, dass sie meist Proviant hinterlassen, vielleicht um uns zu erfreuen, weil wir so edel und so überaus intelligent sind. Wahrscheinlich verehren sie uns deswegen. Nun ja, warum auch nicht. Jedenfalls konnte ich einmal beobachten, wie eines dieser Wesen eine Blume betrachtete. Diese Wesen, das hatte ich vergessen zu sagen, haben Augen wie wir, aber bestimmt sehen sie alles verschwommen, denn sie bemerken kaum etwas um sich herum und gehen einher wie diese gebauten Dinge, die sie besitzen und die rollen und heftig stinken, wenn sich jemand hineinsetzt. Ohne Verstand sind diese Wesen eben und sinnlos ist, was sie tun.

 

Also, dieses eine Wesen beugte sich über die Blume, als wolle es sie fressen. Es wetzte aber nur leicht den Schnabel daran und verzog das Maul hinaufzu. Das machen diese oft, und fletschen dabei die Zähne wie wilde Hunde. Ich nannte dieses Wesen „der Dasda“, um es während meiner Beobachtung von den anderen zu unterscheiden, weil sie ja alle gleich aussehen. Dasda wiederholte diese sinnlose Schnabelwetzerei und blickte dann plötzlich auf mich, die ich mich ihm ungeniert genähert hatte. Er sah mich lange an und ich ihn, dann gab er einen Laut von sich, der direkt nett klang, wenn auch schwammig. Ich wollte nicht wegsehen, denn mich amüsierte dieser Tollpatsch. So sagte ich: „Na, du?“ Da fletschte er die Zähne, nahm das große edelschwarze Rohr, das er schwer um den plumpen Hals trug, und zielte auf mich. Erschrocken machte ich mich davon. Seitdem aber suchte ich ihn immer wieder dort auf, wo er oft war. Und ich sah, dass er dieses Rohr oft benutzte und es auf die Blumen richtete. Es surrte dann immer kurz, bevor er das Rohr wieder senkte. Die Blumen erlitten keinen Schaden davon.

 

Als ich wieder einmal auf der Lauer nach ihm war und er dann endlich kam, um sich unter meiner Lieblingslinde niederzulassen, bemerkte ich, dass Regentropfen aus seinen Augen sickerten. Dergleichen hatte ich bis dahin nur bei den Jungen dieser Wesen manchmal beobachtet und gedacht, es handle sich um die Unvollkommenheit des Heranwachsens. Auch klagende Laute vernahm ich von meinem Dasda. Ich setzte mich bequem in seine Nähe auf der Linde über ihm und blickte auf ihn hinab, der da schwerfällig auf einem dieser Holzgerüste geplumpst war. Immer wieder schüttelte er das Haupt, bis er es schließlich in seine Pranken legte und laut wimmerte, wie Hundejungen es gern tun. Ich setzte mich schließlich auf die Lehne dieses Holzgerüstes und sagte mit schmeichelnder Stimme: „So schlimm wird’s doch wohl nicht sein, du jammerst ja ganz furchtbar!“ Er blickte hoch und mir direkt in die Augen. Wieder dieser Blickkontakt, der mich ganz gefangen nahm. Seine riesigen Kuhaugen schienen direkt von Tiefe und Intellekt erfüllt zu sein. Diesmal gab er keinen Laut von sich und fletschte auch nicht die Zähne. Er blickte mich nur an und ließ weiterhin Regentropfen aus seinen Augen kullern. In seiner ganzen stumpfen Plumpheit war er doch irgendwie lieb. Mutig und überaus selbstbewusst trippelte ich zwei Schritte näher, sodass ich ihn sogar berühren hätte können, falls ich das gewollt hätte. Da hob er eine Pranke und strich mir damit ganz leicht über den Hals. Überwältigt starrte ich ihn an. Und er mich. Ich spürte etwas in mir, das ich bis dahin nicht gekannt hatte. Es war ein Gefühl der Wärme und Freude. Wäre dieser Dasda einer von uns gewesen, so hätte ich ihn in diesem Moment vielleicht sogar als einen Herrn an meiner Seite aktzeptieren können. Eventuell. So aber wusste ich nicht, was mir diese Zuneigung bringen sollte, ausser Beobachtungserkenntnisse vielleicht oder auch einen Happen hin und wieder aus seiner Pranke. Aber das schien mir in diesem Augenblick vollkommen unwichtig zu sein. Das einzige was zählte, waren diese großen traurigen Augen und seine riesige Pranke, die so zart meinen Hals berührt hatte.

 

Ich wünschte, ich könnte dir mein Leid klagen, hübscher Vogel“, vernahm ich ganz unerwartet mit meinem brillianten Verstand. Dieser Inhalt wurde aber weder von Artgenossen noch von den Luftschwingungen gesendet. Er kam direkt aus dem Riesenkopf meines Dasda. Oder besser gesagt aus seinem Inneren, dort, wo bei uns das Fühlen und die Ewigkeit sitzen. „So klag doch, ich hör dir zu. Wusste gar nicht, dass du denken und dich mitteilen kannst.“ antwortete ich in freundlichem Ton. Da verzog er doch ein wenig das Maul nach oben und es sah nett aus, na ja, für so ein plumpes Wesen eben.

Werde ich meinem Vater jetzt je gerecht werden? Wird er jemals wieder glücklich sein können? Was wird aus meiner Mutter nach all dem?“,klagte er also. „Bla bla bla“ anwortete ich ihm beruhigend. Doch ich ahnte schon, dass er diese Art von Trost, die bei unseren Jungen immer zieht, nicht verstehen würde. Wenn er sich auch überraschenderweise mitteilen konnte, verstehen war denn doch eine Nummer zu hoch für ein Wesen wie ihn. Dennoch blieb ich noch lange bei ihm sitzen und fand es schön, dass er mich immer wieder ablickte, direkt in die Augen, so ganz vertraut, und je länger er es tat, desto ruhiger wurde sein Gemüt. Schließlich teilte er noch mit: „Dein Wille geschehe, Herr!“, wobei ihm Sturzbäche von Regentropfen aus den Augen schossen. Mich irritierte seine Mitteilung. Von welchem Herrn sprach er da? Schließlich erhob ich mich und drehte genüsslich drei Ehrenrunden hoch über ihm. Der Wind und der Schwung meines eleganten Fluges erfüllten mich mit Lust, sodass ich laut aufjauchzte. Dieses herrliches Lied widmete ich meinem Dasda, der nie erfahren würde, wie leicht und schön es hier oben sein kann. Nie würde er wissen, dass seine Regentropfen nur Leben bedeuteten und nicht Traurigkeit.

 

Wir alle haben Eltern, Verwandte, Kolleginnen. Und sie haben Flügel so wie jeder von uns. Zwar helfen wir einander und machen fast alles gemeinschaftlich, doch fliegen muss jeder selbst. Ja, klar, verletzt sich jemand von uns den Flügel, lassen wir ihn nicht allein. Trotzdem, manchmal gib es Unerwartetes, Trauriges. Dann klagen wir gemeinsam und schweigen gemeinsam und erheben uns dann gemeinsam, um weiter zu leben, weiter zu fliegen, weiter zu genießen, jeder wie er kann. Mich belächelte man bereits ein bisschen wegen meiner Schwäche für mein Dasda. Anfangs hatten mich Freundinnen begleitet, wenn ich auf der Lauer nach ihm war. Als sie aber sahen, dass es da keine Happen gab, fanden sie mich schrullig. „Was hast du davon, den da anzustarren?“ fragten sie verächtlich. „Er teilt sich mir mit. Ich glaube, sein Vater ist krank oder er hat sich mit ihm gezankt oder so“ antwortete ich ehrlich. „Diese Wesen haben keinen Verstand. Sie haben nur Proviant. Rede dir doch nichts ein“, war ihre Antwort. Ich gebe zu, dass ich mich etwas schämte, denn sie hatten ja Recht. Natürlich wusste ich, dass so ein Wesen nicht wirklich denken und empfinden kann, trotzdem rührte mich mein Dasda und erfüllte mich auch mit Freude, wann immer ich ihn sah... 

 

 

(Die ganze Geschichte wird im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA" veröffentlicht.)

 

 

 

                                                    (Foto von Unbekannt - Download)

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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