DER ABENDGAST    

 

Ich war reichlich nervös und fand es nun äußerst dumm, mich auf die ganze Sache eingelassen zu haben. Freunde hatten mir mehrmals geraten, mich wieder zu binden und meinem vierjährigen Sohn einen neuen Vater zu geben. Lange Zeit war ihr Bemühen erfolglos geblieben, vor allem, weil ich in der Ehe und der zermürbenden Zeit der Scheidung zu schlechte Erfahrungen gemacht hatte. So vermied ich es regelrecht, neue Bekanntschaften zu machen. Dass ich neben Haushalt, Erziehung und Beruf keine Zeit mehr für weitere Aktivitäten fand, kam mir da sehr zurecht. Als mein Söhnchen aber immer flehentlicher nach einem Papa verlangte, möglichst nach einem, mit dem er im Kindergarten ordentlich angeben könne, fruchteten die gut gemeinten Ratschläge mancher Freunde und ich ließ mich dazu überreden, auf eine Anzeige in meiner Tageszeitung zu antworten.

 

Der Abend der Verabredung nahte und ich ärgerte mich, weil ich nun deutlicher als sonst erkannte, dass ich wirklich kein Interesse an einer neuen Bekanntschaft hatte. So kam es mir recht gelegen, dass mein Sohn zwei Tage vor der Verabredung die Windpocken bekam. Das betrachtete ich als Wink des Schicksals und sagte das Treffen ab.

 

Ein paar Tage danach wurde ich von jenem Mann neuerlich angerufen, mein Sohn lag aber noch krank im Bett. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob es Neugierde meinerseits oder ob es das liebevoll sanfte Drängen des Mannes war, jedenfalls vereinbarten wir, dass er am Abend auf ein kurzes Kennen lernen direkt in die Wohnung kommen solle.

 

Nervös räumte ich auf, so gut ich konnte und war etwas gereizt, weil ich nicht wirklich zu dieser Entscheidung stand. Ich hatte wieder einmal unüberlegt gehandelt und das ärgerte mich am meisten.

 

Eine Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt läutete es. So eine Unverschämtheit, eine Stunde zu früh daherzukommen, dachte ich und öffnete schlecht gelaunt die Tür. Ein gut aussehender ziemlich verwirrt dreinblickender Mann stand da, schaute mich etwas verwundert an und trat wortlos ein. "Guten Abend!" stotterte ich irritiert, da rief mich mein Sohn ans Bett. Mit einem knappen Wort der Entschuldigung eilte ich zu ihm. Ich hatte ihm von dem Besuch erzählt und nahm an, dass er nun aufstehen und bei uns sein wolle. Er saß im Bett und weinte. Bestürzt nahm ich ihn in die Arme. "Hast du Schmerzen?" fragte ich besorgt und befühlte seine Stirn. Die war eiskalt und schweißbedeckt. Er zitterte leicht.

 

"Das schöne große Flugzeug! Das ganze Flugzeug ist kaputt! Alles ist kaputt!" schluchzte er schließlich. "Du kannst dir ja ein neues bauen. Wenn dir jemand im Kindergarten absichtlich etwas kaputt macht, so musst du es der Tante sagen. Aber es ist nicht so schlimm! Morgen bauen wir gemeinsam ein schönes Legoflugzeug", redete ich ihm beruhigend zu und schaukelte ihn in meinen Armen hin und her. "Was hast du denn sonst noch alles vom Kindergarten geträumt?", versuchte ich ihn abzulenken. "Nicht vom Kindergarten, nur von dem großen Flugzeug und den vielen traurigen Menschen habe ich geträumt. - Kann man das Flugzeug wieder ganz machen?", fragte er nachdenklich. "Aber ja, alles kann man wieder ganz machen", antwortete ich rasch und dachte an den Mann, der nun bereits einige Minuten im Vorzimmer wartete. "Was wird denn mit den Menschen?", fragte mein Sohn. "Soll ich dir einen Kakao bringen und ein Kipferl oder möchtest du aufstehen und ein wenig bei meinem Gast und mir dabei sein?", fragte ich behutsam. Er reagierte nicht sofort, sondern blickte abwesend auf das Bücherregal. "Ich mag nicht aufstehen, ich mag lieber hier essen - darf ich das Lexikon mit den schönen Bildern von den Flugzeugen und Schiffen anschauen?" Ich zögerte, denn meine Bücher durfte er eigentlich nur unter meiner Aufsicht zur Hand nehmen. Diesmal aber kam mir sein Wunsch sehr gelegen, denn mit dem geliebten Lexikon würde er sich bestimmt den ganzen Abend lang beschäftigen. "Pass aber gut darauf auf!" mahnte ich, brachte ihm das Essen und widmete mich dann meinem Gast.

 

Zum Glück hatte er nicht die ganze Zeit im Vorzimmer gewartet. Er saß zusammengekauert auf der Couch im Wohnzimmer und blickte nicht auf, als ich durchging, um meinem Sohn das Abendessen zu bringen. Ich hatte mir diesen Mann ganz anders vorgestellt, aber so wie er war gefiel er mir besser als in meiner Fantasie. "Was darf ich Ihnen anbieten?" fragte ich mit meinem freundlichsten Lächeln. Er fuhr erschrocken hoch, als hätte er meine Anwesenheit vollkommen vergessen. "Anbieten?", fragte er verwirrt, "aber es wurde ja gerade serviert!" Mit diesen Worten winkte er, wie man einen Kellner abweist, der sich ungebeten nähert. Ich schenkte uns trotzdem Tee ein und stellte Kekse auf den Tisch.

 

Für gewöhnlich fällt es mir nicht schwer, ein Gespräch zu beginnen oder zu lenken. Nun aber saß ich beklommen da und betrachtete den in sich gekehrten attraktiven jungen Mann, der mich noch kein einziges Mal wirklich angeschaut hatte. Er wirkte irgendwie, als stünde er unter Schock. "Sind Sie mit dem Auto hergefahren oder mit den Öffentlichen?", fragte ich, weil mir gerade nichts anderes einfiel.

 

"Mit dem Auto?" wiederholte er und blickte mich endlich an. Tatsächlich waren seine Augen und Pupillen schreckensweit, um die Nase und um den Mund zeichneten sich helle Felder ab, als sei er unterkühlt und seine Hände zitterten. "Geht es Ihnen nicht gut? Ist bei der Herfahrt etwas vorgefallen?" fragte ich nun ehrlich besorgt und stand unwillkürlich auf. Er legte beide Hände vor das Gesicht und antwortete nicht. Ohne recht zu überlegen was ich tat, trat ich zu ihm hin und legte ihm die Hand auf den Teil seiner Stirn, den er nicht bedeckte. Entsetzt zuckte ich aber wieder zurück. Seine Stirn war eiskalt. In mir raste plötzlich das Herz, als fürchtete ich mich, ich wusste aber nicht warum.

 

Entspannter als zuvor ließ der Mann die Hände wieder sinken. Als sei er von einem drückenden Geheimnis befreit, blickte er mich kurz, aber freundlich an. Sofort aber haftete sein Blick wieder auf dem Boden. Er griff nach der Tasse Tee, berührte sie aber doch nicht und murmelte: "Es ist also tatsächlich alles vorbei. So plötzlich und unerwartet kann alles vorbei sein. - Oder doch nicht so unerwartet?" Wieder blickte er mich kurz an. Ich hatte mich ratlos wieder hingesetzt und starrte unentwegt auf ihn. Ob aus Faszination oder aus Fassungslosigkeit weiß ich nicht. Jedenfalls konnte ich den Blick nicht von diesem geheimnisvollen Mann wenden. "Sagen Sie es meiner Frau!" bat er mich unvermittelt. Ich hörte mich erleichtert aufatmen. Offenbar kam er also gerade von einem heftigen Streit mit seiner Exfrau. In der Anzeige hatte gestanden, dass er geschieden und Vater zweier Töchter sei. Das Gefühl des Unheimlichen, das mich seit der Berührung erfüllt hatte, löste sich nun auf, da ich eine logische Erklärung für das seltsame Verhalten des Mannes gefunden hatte.

 

"Seit wann sind Sie denn geschieden?" fragte ich. Er schaute mich verwundert an. "Geschieden?" fragte er. "Getrennt, aber nicht geschieden", ergänzte er nach einer Pause mit fast flüsternder Stimme. Zu meiner Enttäuschung bei dieser Mitteilung gesellte sich ganz plötzlich aufkeimende Zuneigung. Irgendetwas an diesen Worten hatte mit einem Schlag ein zartes warmes Gefühl in mir ausgelöst. "Sie lieben Ihre Frau also noch?" fragte ich. "Ja, ich liebe sie!" sagte er mit erstickter Stimme. "Es ist das einzige Gut, das ich jetzt noch besitze. Dies ist offenbar mein Weg, aber es ist doch schade, dass ich so kurz nur mit ihr zusammen war. Zumindest ich finde das sehr schade - aber vielleicht werde ich bald erkennen, worin der Sinn in all dem liegt - und vor allem in diesem abrupten Ende." Schmerzlich verzerrte sich sein Gesicht. "Sagen Sie es ihr!", bat er mich noch einmal und sah mich kurz, aber bewusster als zuvor an...

 

 

(Die ganze Geschichte erscheint im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA")

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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