DER KUGELMANN

 

Jedes Mal, wenn ich im Autobus fuhr, musste ich mich maßlos ärgern. Auf der Strecke von der Tagesmutter meines kleinen Sohnes bis zur Arbeitsstätte befand sich mindestens drei Mal das riesengroße Plakat eines ungewöhnlich unansehnlichen Mannes mit langem gewelltem Haar, mit schläfrig depressivem Gesichtsausdruck und hängenden Winkeln seines schiefen wulstigen Mundes, eines Mannes mit nacktem, ungewöhnlich korpulentem Oberkörper und mit einer Ausstrahlung, die mir fast dämonisch bedrückend erschien. Ich musste irgendwann einen Sektenführer mit nacktem Oberkörper auf einem Plakat gesehen haben, denn beim Anblick des eben Beschriebenen dachte ich sofort an einen Sektenführer, ohne das Plakat jemals gelesen zu haben. Der Gedanke, dass solch ein - in meinen Augen -  offensichtlich unausgeglichen schwermütiger Mensch Jugendliche in seine Sekte lockte und dort womöglich mit Schwermut prägte, ärgerte mich ungemein. Ich konnte dieses Plakat nicht ignorieren und ärgerte mich schließlich vor allem über meinen Ärger und über meine Unfähigkeit, gelassen zu bleiben.

 

Den ganzen Sommer lang hatten sich meine Busfahrten in Groll über diesen vermeintlichen Sektenführer und die blinden Jugendlichen, die in seinem Gefolge gefangen waren, gestaltet. Anfang Herbst schlenderte ich, mit meinem Söhnchen im Tragtuch, durch die Passage bei der Bellariastraße. Es gibt dort eine Jugendinformationsstelle, die ich meistens kaum beachte. Diesmal aber blieb ich  entsetzt davor stehen. Aus dem Schaufenster blickte mich das riesengroße Gesicht jenes - in meinen Augen - hässlichen Gurus trostlos an. Wie konnte gerade an solch einer Stelle für Sekten geworben werden! Empört betrat ich die Informationsstelle und erkundigte mich aufgebracht, wer denn nun dieser sonderbare Guru sei und warum gerade hier für seine Sekte geworben würde. Die Dame hinter dem Schalter ließ mich belustigt aussprechen und erklärte dann freundlich: „Das ist kein Guru, das ist doch der Kugelmann. Kennen Sie denn ‘Kugelmanns Talk’ nicht?“ „Nein, was ist das?“ fragte ich verblüfft. „Das ist eine heiter satirische Talkshow,  die Ankündigung wird ja immer wieder in der Programmvorschau gebracht.“ „Ach so“, sagte ich etwas betreten, aber ziemlich erleichtert. „Ich besitze gar kein Fernsehgerät - also dieser Mann ist ganz einfach ein Showmaster?“, vergewisserte ich mich noch einmal. Die Dame lachte auf. „Ja!“ rief sie „ein sehr witziger sogar!“ Sichtlich erleichtert bedankte ich mich sehr herzlich bei der Dame, die das Lachen kaum bezähmen konnte.

 

Es machte mir nichts aus, ungewollt soeben eine Witzfigur abgegeben zu haben, denn mir war, als fiele eine riesige Last von mir ab. ‘Ein Talkmaster! Er wirbt mit diesem aufreizenden Plakat ganz einfach für eine Talkshow! Das ist alles!’ ging es mir immer wieder durch den Kopf und ich fühlte fast so etwas wie Zuneigung zu diesem Mann, weil er eben kein Guru war. Als ich dann das Plakat aufmerksam las, musste ich selber lachen, denn die paar Worte ‘Kugelmanns Talk' hätte ich nur ein einziges Mal zu lesen brauchen, um über den Irrtum aufgeklärt zu werden. Dazu hatte ich mir aber nicht die Mühe gemacht, viel lieber  ließ ich mir von diesem Plakat den ganzen Sommer - zumindest während der Busfahrten - bedrücken.

 

Schmunzelnd ging ich weiter. Zum ersten Mal seit meiner Scheidung bedauerte ich es, kein Fernsehgerät zu besitzen. Diese ‘Nette Leit Show’ wollte ich gerne miterleben. Ich überlegte, bei wem ich mich einladen sollte, um sie mir anzuschauen, da fiel mir ein, dass mein Neffe gern ein Minifernsehgerät fürs Gartenhaus hätte, was meine Schwester aber immer verboten hatte, weil sich ihrer Meinung nach Fernsehen mit der Natur des Gartens nicht vertrage. Ich teilte zwar ihre Meinung, doch in diesem Fall gewannen mein Neffe und Phettberg. Zu Weihnachten könnte ich das Gerät feierlich überreichen - so kostspielige Geschenke ist man von mir nämlich nicht gewohnt - bis dahin aber würde ich mir regelmäßig `Kugelmanns Talk` anschauen.::

 

(Die ganze Geschichte erscheint im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA")

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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