Die Feierlichkeiten im Schloss zogen sich mehrer Wochen hin. Beide Schwestern Lindas fanden einen Prinzen, der sie ein Jahr darauf als seine Gemahlin heimführen wollte. Die jüngste Prinzessin war mit ihren siebzehn Jahren noch zu jung dafür. Es herrschte große Aufregung und Freude wegen der bevorstehenden Hochzeiten, der Aussteuer und vieler anderer Verhandlungen des Königs mit den Vätern der Bräutigame. Dann kam der Herbst mit häufigem Regenwetter, Nebel und Stürmen. Sehr früh setzte dann auch der Winter mit starkem Schneefall ein. Niemand dachte mehr an den Wassermann, niemand daran, den Teich zu leeren, um einen Kadaver daraus zu entfernen. Niemand bis auf Linda natürlich. Sie dachte in jeder Sekunde des Tages an ihren Geliebten. Ob sie studierte oder ausritt, ob sie mit der Familie bei Tisch saß und scheinbar scherzte und plauderte, ob sie in der Badewanne saß oder abends im Bett auf Träume von ihm wartete. Immer war er in ihrem Herzen und in ihrem Geist gegenwärtig und immer betete sie zu Gott, Nöck möge gesund und gut sein Reich gefunden haben.

 

Eines Nachts spürte sie ganz zart eine kalte Hand auf ihrer Stirn. „Du bist da, mein lieber Nöck“ flüsterte sie glücklich. „Ja, ich bin gekommen, um dir zu sagen, wie gut es mir geht und wie wunderbar mein Reich mit all seinen Geschöpfen gedeiht. Und das haben wir dir zu verdanken. Du hast mich gerettet und durch deine Liebe glücklich gemacht. Mein Glück muss zwar mit dem Schatten leben, dass du nicht bei mir bist, doch wenn ich weiß, dir geht es gut, so will ich den Schatten Licht nennen.“ Er sprach mit sehr leiser Stimme. „Küss mich, ich habe so große Sehnsucht nach dir!“ bat sie. Da beugte er sich zu ihr und küsste sie sanft auf den Mund. Sie wollte nach ihm greifen, ihn umarmen, doch ihre Hand fuhr ins Leere. Traurig und beglückt zugleich erwachte sie. ‚Es geht ihm gut. Das war bestimmt eine Botschaft. Er ist gut in seinem Reich angekommen. Gott sei es gedankt!’ dachte sie und spürte dem sanften Kuss nach, den sie von ihm empfangen hatte.

 

Am Tag darauf erwachte sie mit leichtem Ziehen in den Brüsten. Auch der Morgenritt schmerzte dort, darum band sie sich die Brüste enger. „Jetzt wirst auch du endlich zur Frau“ meinte eine ihrer Schwestern, als sie das sah. Linda achtete nicht weiter darauf, denn sie fühlte sich sowohl als Frau als auch als Mädchen. Endlich fiel ihr auf, dass ihre Monatsblutung nun schon lange ausgeblieben war. Sie rechnete und überlegte und dann wurde ihr bewusst: Da wächst ein Kind in mir, ein Wassergeist, ein Königskind, ein Kind der Liebe, der übergroßen Liebe. Sie freute sich, wenn sie auch kaum wusste, was nun zu tun sei. Nur eines wusste sie, es gab nichts auf der Welt, das sie mehr liebte, als dieses kleine Wesen, das da vertrauensvoll in ihr schlummerte.

 

‚Ich muss zu ihm hin, ich muss meinen Nöck finden’ wusste sie und sie betete zu Gott, er möge ihr diesen Weg der Liebe zeigen. Einige Tage darauf spielten Gaukler im Schlosshof auf. Sie sangen und tanzten, um das neue Jahr willkommen zu heißen. Damit erfreuten sie die Schlossbewohner, die in der kalten Jahreszeit immer trüber und müder wurden. Einige Tage übernachteten sie in den weiten Stallungen des Schlosses und spielten jeden Nachmittag zum Tanz auf. Der König war froh über dieser Abwechslung, denn seine beiden älteren Töchter wurden ihm mit ihren Hochzeitsforderungen immer mühseliger. Heimlich sammelte die Jüngste ihren Schmuck zusammen. Sie besprach sich mit einer der Gauklerinnen und erfragte, in welche Länder sie noch reisen wollten. Es erschien ihr wahrscheinlich, dass sie in die Nähe von Nöcks Reich kommen würden. Sie handelte mit der Frau aus, sich ihnen drei Tage nach ihrem Weggehen anzuschließen. Wäre sie gleich mitgegangen, hätten die Schergen des Königs die Truppe bestimmt verfolgt. Linda würde als Gauklerin verkleidet mit ihnen ziehen. Der Frau schenkte sie dafür eine Perlenkette und ein goldenes Armband.

 

Die Tage bis sie sich dann nachts hinaus schleichen und ihre Familie nie wieder sehen würde, waren traurig für Linda. Welch unrühmlicher Abgang, so heimlich. Doch ihr blieb keine Wahl. Sie hatte auch Angst, ob sie den Geliebten auch wirklich finden würde. In der letzten Nacht im Schloss erschien er ihr wieder im Traum. „Hab keine Angst, mein Sonnenschein, mein Leben! Ich erwarte dich wo die Felder und Wiesen sich treffen, wo der Wald mächtig grüßt und wo der Himmel Lieder singt, um dich willkommen zu heißen. Meine Elfen und Feen begleiten dich und unser Kind, damit du sicher reist. Sie umschwirren die Gauklertruppe, damit du unbehelligt reist, sie begleiten dich und unser Kind, damit du gesund und zufrieden reisen kannst.“ Dann küsste er sie auf die Stirn und weckte sie, damit sie jede Einzelheit des Traumes in Erinnerung behalten konnte.

 

Nur mit einem Reisesack brach sie auf, kurz nachdem die Nachruhe ausgerufen war. Sie eilte zur vereinbarten Stelle im Nachbarort, wo die Truppe in den vergangenen drei Tagen aufgespielt hatte. Die Gauklerin, mit der Linda alles besprochen hatte, war hier eine wichtige Person, darum fragte keiner nach dem Woher und Wohin der jungen Mitreisenden. Der eine oder andere glaubte zwar eine der Prinzessinnen in ihr zu erkennen, doch niemand fragte danach. Dankbar und bescheiden verbrachte Linda auf diese Weise fünf Wochen mit diesen Leuten. Sie half mit einfachen Tätigkeiten wie Kartoffeln schälen, Wäsche waschen, Pferde versorgen. Nie trat sie als Tänzerin oder Sängerin auf, denn damit hätte sie womöglich ihre Herkunft verraten. Ihre Sprache, ihr Auftreten war nach wie vor die einer Prinzessin.

 

In der Nähe des Reiches, in dem Linda ihren Nöck vermutete, verabschiedete sie sich von den Gauklern. Es war kein leichter Abschied, denn sie hatten einander lieb gewonnen. Mittlerweile war allen klar, warum das junge hübsche Mädchen heimlich weglief, denn ihr Kind zeichnete sich bereits ab. Und Linda war stolz darauf. Sie wanderte allein in der Kälte einen ganzen Tag. Am Abend bat sie bei einem Bauern um Unterkunft, denn sie fürchtete, im Freien zu erfrieren. Man nahm sie gerne auf, denn sie war hübsch und vornehm trotz der mittlerweile gar nicht mehr königlichen Kleidung. Die Bauern hatten selten Abwechslung, darum gefiel es ihnen, dass die Fremde von fernen Städten und Ländern zu erzählen wusste und schließlich auch noch ein paar Lieder sang, mit einer Stimme, die auch den härtesten Knecht ans Herz rührte.

 

Als sie ihr Singen beendet hatte und merkte, wie andächtig alle an ihren Lippen hingen, wagte sie es nach dem Wassergeist Nöck zu fragen. Die Leute wurden etwas misstrauisch, schließlich meinte eines der Kinder, die zahlreich auf der Ofenbank saßen: „Über unseren lieben Nöck sagen wir gar nichts, denn sonst holen ihn wieder die Soldaten und nehmen ihn mit!“ Sofort langte die Bäuerin nach dem Kind und versetzte ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Linda aber sank zu Boden, denn nun wusste sie, sie war in Nöcks Reich angekommen. Es überwältigte sie zu sehr.

 

Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie in den Armen der Bäuerin, deren Hand liebevoll auf Lindas gewölbtem Bauch ruhte. „Bist du das Mädchen, das seine Liebe gewonnen hat?“ fragte sie. Linda blickte sich um. Doch da war niemand mehr in der Stube, nur sie und die Bäuerin. Darum nickte sie, während sie der Bäuerin tief in die Augen blickte. Konnte sie ihr trauen? Die schlichte kräftige Frau jedoch schlang ihre Arme um sie und drückte sie fest und lange an sich. „Mein liebes gutes Kind! Sei gesegnet!“ murmelte sie unter Tränen. „Du hast nicht nur Nöck, sondern auch uns allen viel Gutes erwiesen. Morgen führe ich dich zu ihm, der auf dich wartet und der dich liebt. Aber sag, mein schönes Mädchen, wo willst du leben und wo euer Kind? Du kannst nicht in der Wasserwelt bleiben als Mensch.“ „Nöck soll das entscheiden. Ich will nur eines, in seiner Nähe sein. Alles andere ist nebensächlich“ antwortete Linda und schmiegte sich wohlig noch einmal in die starken Arme der Bäuerin. Wie gut tat diese Umarmung!

 

Wäre Linda nicht so unendlich müde gewesen, hätte sie vor Aufregung kein Auge zu bekommen. Am folgenden Morgen schon sollte sie ihren Geliebten endlich wieder sehen. Die Bäuerin weckte sie noch bevor es hell wurde. Heiße Milch und ein Stück Brot standen für die werdende Mutter bereit. Dann wurde sie in warme Filzstiefel gesteckt und in einen dicken schweren Wetterfleck gehüllt. „Es ist eisig draußen und wir marschieren mindestens drei Stunden, bis wir beim See sind“ erklärte die Bäuerin. Linda willigte schweigend in alles ein. Sie konnte nur an Nöck denken, daran, ihn endlich wieder zu sehen.

 

Nach mühseliger langer Wanderung hielt die Bauerin eine kleine Rast für angebracht. Sie reichte der völlig Erschöpften ein Stück Schmalzbrot und biss selbst herzhaft in ein anderes. Dann öffnete sie eine Flasche, aus der es würzig roch. Nachdem sie einen ordentlichen Schluck genommen hatte, reichte sie das Getränk weiter. Linda probierte und hustete. „Das ist Glühwein, etwas kühl zwar mittlerweile, aber er wärmt trotzdem von innen her“, erklärte die Frau gut gelaunt und nahm noch einen kräftigen Schluck. Nach dieser kurzen Jause marschierten sie weiter immer tiefer in den Wald hinein.

 

Endlich standen sie vor dem See. Still groß und wunderschön lag er da. Linda wollte rufen, doch da stand er schon, ihr Nöck. Schöner als sie ihn in Erinnerung hatte, stattlich in grünen Samt gekleidet und in dunklen Lederstiefeln. Er wirkte wie ein vornehmer Herr, wäre da nicht die bläuliche Gesichtsfarbe. Linda erstarrte vor Freude. Er trat zu ihr hin und umarmte sie innig. Tränen der Freude liefen über seine Wangen. Die Bäuerin trat ehrfürchtig ein paar Schritte zurück. Sie wusste von der guten Macht des Nöck, doch niemand der Menschen, denen er so viel Segen brachte, hatte ihn je gesehen. Nun stand er da, schön und geheimnisvoll als Liebender, der seinen Schatz unter Tränen in die Arme schließt. Auch ihr, der robusten sonst gar nicht sensiblen Frau, liefen Tränen der Rührung über die Wangen.

 

Nach langen heiligen Augenblicken lösten sich die Liebenden aus der Umarmung. Behutsam glitt Nöcks Hand unter den Wetterfleck und ruhte auf Lindas gewölbtem Bauch. Am liebsten hätte er sich hingekniet und hätte unter diesem schweren Umhang sein Gesicht an ihren Bauch gedrückt. Doch das hatte Zeit. Die ganze gemeinsame Ewigkeit lag vor ihnen. Nun hieß es klaren Kopf bewahren und ein Heim für Mutter und Kind zu finden. Er breitete die Arme aus, schloss die Augen und atmete drei Mal tief durch. Mit jedem Atemzug veränderte sich etwas rund um sie. Zuerst waren sie wie unter einem riesigen Glassturz in frühlingshafte Wärme gehüllt, dann lagen da große Kissen auf dem moosbedeckten Boden und schließlich gesellten sich sechs überaus anmutige weibliche und männliche Feen zu ihnen. Der erste Gedanke Lindas war: ‚Wie kann er mich lieben, wenn er hier von so viel Schönheit umgeben ist?’ Nöck lächelte sie an, als habe er ihre Gedanken gelesen. „Kein Herz ist wie dein Herz. Ich liebe dich und nur dich als meine Gemahlin.“ Dann küsste er sie sanft auf den Mund. Die Feen senkten respektvoll den Blick, die Bäuerin stand die ganze Zeit nur mit offenem Mund da und konnte all das gar nicht fassen.

 

Dann aber wurde sie eine der wichtigsten Gesprächspartnerinnen, denn es ging darum, hier am See ein Haus zu bauen mit Hilfe der Bauern. Es ging darum, das Kind gesund zur Welt zu bringen, seine Gaben und Bedürfnisse zu kennen und zu fördern mit Hilfe der Feen und es ging darum, wie Linda mit all dem zurecht kommen würde, ob sie Knechte oder Mägde aus dem Dorf brauchte oder lieber Gehilfen aus der Feenwelt. Es wurden lange Gespräche. Es wurde viel entschieden und versprochen. Alle Beteiligten wussten, dass hier kein Versprechen gebrochen werden würde. Jeder wusste, dass alle Hilfestellungen für dieses ungleiche Paar mit Freude ausgeführt würden und jeder wusste, dass alle im ganzen Reich vom Glück dieser beiden Liebenden profitieren würde. Der Segen dieser Liebe war der Segen für das ganze Land.

 

Endlich war alles gesagt. Die Bäuerin wurde von Nöck mit drei Goldstücken belohnt für ihre große Hilfe. Die Elfen verneigten sich tief vor dem Paar und Linda verneigte sich vor ihnen. Nöck lächelte ihnen freundschaftlich zu. Dann verschwanden sie, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. „Endlich sind wir allein. Endlich darf ich dich lieben mit meiner ganzen Macht, die Gutes hervorbringt“, sagte er feierlich und mit kaum unterdrückbarem Beben in der Stimme. Er drückte sie zärtlich an sich und spürte, dass nicht nur sein Verlangen loderte, auch sie brannte innerlich vor Sehnsucht. Langsam und behutsam entkleideten sie sich unter diesem Zauberzelt der Wärme.

 

Sie legten sich auf die großen Kissen. Sanft und geduldig streichelte er ihre weiche weiße Haut. Endlich konnte er vielfach ihren Bauch küssen, unter dessen Decke sich hin und wieder kleine Bewegungen abzeichneten. Zärtlich küsste er seine junge schöne Gemahlin. Weniger geduldig, aber innig drückte sie ihn an sich, suchte seinen Mund zum Kuss und konnte nicht genug von ihm bekommen, bis sie ihn endlich in wohligem Seufzen ganz bei sich hatte. Genau so, wie sie ihn wollte, genau so, wie es ihr unendlich wohl tat. Sie liebten einander und waren glücklich. Sie wussten beide, dass es nun keine Macht mehr gab, die dieses Glück trüben konnte, denn sie allein waren nun die Gestalter ihrer Zukunft gemeinsam mit dem Kind, das da war und in die Welt kommen würde.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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