Die Höhle

 

Gunnar träumte nun bereits das dritte Mal in Folge von einer Höhle. Er saß bei seinem Frühstückskaffee und sinnierte darüber. Wie in den Nächten davor hatte ihn der Traum fasziniert, ihm total gut getan und seine ganze Aufmerksamkeit auf Stunden beschlagnahmt. Gunnar fühlte sich fast wie nach einer Liebesnacht. Aber wie das, wenn es doch weit und breit keine Frau gab? Eigentlich frustrierte es ihn, nun schon  fast ein halbes Jahr lang keinen Sex mehr gehabt zu haben. Trotzdem ging er one-night-stands aus dem Weg. Sie hinterließen letztendlich doch nur das schale Gefühl, Ideale verletzt zu haben. War es aber wirklich sein Ideal, einer geliebten Partnerin treu zu sein? Unvorstellbar bei seinem Freiheitsdrang. Andererseits hatte er unbewusst immer genau das im Sinn, wenn er sich auf eine Frau einließ. Warum waren alle bisherigen Beziehungen immer nach wenigen Monaten in die Brüche gegangen? Warum glaubte er mittlerweile, dass modernes Verhalten eben so sei: mal diese, mal jene?

 

Darüber und über seinen Traum dachte er nach, während er den Kaffee schluckweise genoss. Wie war das gewesen? Er sah sich im Traum atemlos dahinhasten und zwar auf einer wunderschönen Wiese ohne Pfad. Niemand war hinter ihm her, er fühlte sich auch nicht bedrängt oder so, aber er musste unbedingt etwas Wichtiges erreichen. Darum beeilte er sich dermaßen. Schließlich stand er vor einem Wald, in dem er sich aber sehr gut auszukennen schien, denn er lenkte die Schritte gezielt auf eine Lichtung mitten im Wald. Dort befand sich der Eingang einer Erdhöhle. „Wenn ich diese Höhle erreiche, dann ist alles gut!“ dachte Gunnar jedes Mal an dieser Stelle. Alle drei Träume waren wie Wiederholungen gewesen, vollkommen identisch.

 

Sobald er die Höhle betrat, atmete er seufzend auf und verlangsamte seinen Gang. Die beruhigende Atmosphäre hier drinnen war so stark, als wäre sie eine Person, die sanft zu ihm spricht. Ehrfürchtig betrachtete er Kristalle, die allerorten aufblitzten. Es gab da auch geheimnisvolle Blumen, die wunderbar dufteten. Von irgendwo her hörte man sanftes Plätschern einer Quelle. Ab und zu luden Moos bewachsene Plätze zum Verweilen ein. Gunnar betrachtete sie sehnsuchtsvoll, ging aber immer daran vorbei. Ihn lockte ein Ziel. Dorthin strebte das ganze Bewusstsein und erwartete das Höchste davon, ohne recht benennen zu können, worin dieses Ziel eigentlich bestand.

 

Gunnar war nicht allein in dieser Höhle. Zwar gab es niemanden zu sehen, aber er spürte ganz deutlich, dass dieses Ziel eine mächtige Person sein musste. Wie durch ein Rufen fühlte er sich von dieser Person angezogen. Je weiter er in die Höhle vordrang, desto begieriger wurde der Wunsch, das Ziel zu erreichen. Aber auch seine Bewunderung für die Höhle selbst nahm von Schritt zu Schritt zu. Alles hier war großartig. Er fühlte sich durch und durch zufrieden und bestens aufgehoben. „Ich liebe diese Höhle!“ dachte er jedes Mal, wenn er morgens darüber sinnierte…

 

Der Rest dieser Geschichte ist unter dem Titel "Sichtbar nicht da" beim Verlag united p.c. erschienen, ISBN: 978-3-7103-1618-0 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

Fotos:

 

Mit freundlicher

Genehmigung

Pfarre Breitensee,

 

1140 Wien 

 

www.pfarre-breitensee.at  

 

Alle Texte und Grafiken

sind urheberrechtlich

geschützt

Copyright

Karoline Toso

 

FOTOS:

Copyright

Mag. Georg Fröschl,

Pfarre Breitensee

1140 Wien