Die Unnahbare

 

Ein Wanderer ging durch einen dichten Wald. Ab und zu kam er auf eine Lichtung, die von der Sonne beschienen war und allerlei Beeren und Wildrosensträucher bot. Durch Schlägerungen und Erdrutsche glichen diese Lichtungen in ihrer Größe oft den bunten Sommerwiesen.

 

‚Welch schöner Ort zum Rasten!’ dachte der Wanderer, als er gegen Abend eine solche Lichtung erreichte. Er aß von den Beeren und achtete darauf, nicht versehentlich auf eine Schlange zu treten, denn an sonnigen Plätzen ruhen sie gerne. Nachdem er gegessen hatte, sog er genüsslich den Rosenduft ein und den Duft von Moos und frischer Erde. Dann legte er sich müde hin und lauschte dem Abendlied der Vögel.

 

Plötzlich schreckte er in die Höhe. ‚Habe ich geträumt?’ fragte er sich verwundert und lauschte angestrengt in die Ferne. Unverkennbar erklang da eine zarte Mädchenstimme. Es war ein lieblicher Gesang, der den Wanderer bannte. Größer als die Verwunderung darüber, inmitten dieser Einsamkeit solch feines Singen zu hören, war nun die Sehnsucht, dieser Stimme beständig zu lauschen.

 

Langsam verstummten die Vögel, Abendnebel stieg auf, und die Grillen zirpten in unermüdlichem Eifer. Der Wind spielte mit den Blättern und ließ den Mann erschaudern, wenn er ihm kühl über die Stirn streifte. Doch nichts bedeutete dem Wanderer all das. Er wollte nur wahrnehmen, was ihn so sehr in Bann hielt: den zarten Gesang eines Mädchens, der manchmal leiser wurde, mitunter auch traurig seufzte.

 

Als schon der ganze Hain mit den Beeren- und Rosensträuchern, mit den Blumen und Bäumen im Abendschatten stand, erhob sich der Wanderer entschlossen und folgte der Stimme. Es drängte ihn mehr und mehr. So eilte er durch den dunklen Wald. Rehe und Hasen schreckten auf, wenn er kam und liefen davon. Da und dort gellte der Warnschrei eines Vogels durch die stille Nachtluft. Aber sonst vernahm der Wanderer weiter nichts, als das Knacken der Zweige am Boden, wenn er mit festem Tritt voraneilte. Dann blieb er stehen und lauschte. Es dauerte jedes Mal eine Weile, bis er sich so weit beruhigt hatte, das ersehnte zarte Singen wieder zu hören. Manchmal schien es weiter weg, manchmal ganz nahe zu sein. Es wurde immer dunkler, und der Wanderer fürchtete, die Suche aufgeben zu müssen, doch je länger er durch den Wald hastete, desto weniger konnte er sich dazu entschließen, einzuhalten.

 

Der Rest dieser Geschichte ist unter dem Titel „Sichtbar nicht da“ beim Verlag united p.c. erschienen, ISBN: 978-3-7103-1618-0 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

Fotos:

 

Mit freundlicher

Genehmigung

Pfarre Breitensee,

 

1140 Wien 

 

www.pfarre-breitensee.at  

 

Alle Texte und Grafiken

sind urheberrechtlich

geschützt

Copyright

Karoline Toso

 

FOTOS:

Copyright

Mag. Georg Fröschl,

Pfarre Breitensee

1140 Wien