JEDER ANFANG HAT EIN ENDE UND JEDES ENDE EINEN NEU - ANFANG ......

 

INS BLAUE GETRÄUMT

 

 

 

Der Nebel wie der Regenbogen,

 

graue Wolken so wie Sonnenschein,

 

ein Kinderlachen

 

und auch eine zärtliche Umarmung,

 

alles kommt von dir,

 

du Geist der Liebe,

 

alles ist gehüllt

 

in dein liebevolles Lächeln.

 

 

 

 

 

Ein duftiger Strauß

Marianne saß schmollend in der Frühmesse. Eigentlich war es ja nicht ihre Art, mitten in der Woche in die Kirche zu gehen. Nicht einmal sonntags besuchte sie regelmäßig die Messe. Zwar war sie religiös, hatte auch die beiden Kinder im Glauben erzogen und freute sich darüber, diese spirituelle Seite mit ihrem Mann Herbert teilen und austauschen zu können, doch ein Schwerpunkt ihres Lebens war die Religion nicht unbedingt. Für ihren Geschmack war Herbert zwar mehr bigott als religiös, doch in den siebzehn Jahren ihrer Ehe hatte sich einiges an Kanten und Verschiedenheiten abgeschliffen und im Grunde war die Beziehung von gemütlicher Harmonie geprägt. Es plätscherte dahin sozusagen, keine Höhen, keine Tiefen, Gespräche über die Ausbildung der Kinder, über die Renovierung des Badezimmers oder über Familienbesuche, vor allem über den Kontakt zu den Großeltern der Kinder.

An diesem Morgen jedoch hatte Marianne fluchtartig die Wohnung verlassen noch bevor sie das Frühstück fertig vorbereitet hatte. Sollte sich Herbert um die Jause der Kinder Moritz und Helene kümmern, die ohnehin selbst dazu in der Lage waren mit ihren vierzehn und sechzehn Jahren. Sonderbar eigentlich, dass sie so heftig reagiert hatte. Zwar war sie recht temperamentvoll, aber Herbert in seiner gelassenen ruhigen Art bot ihr meist keinen Grund zu Gefühlsausbrüchen. Es war da wohl ein aufgestauter Groll, den er mit seiner Bemerkung zum Ausbruch gebracht hatte. Ihr enormer Ärger war vielleicht auch damit zu erklären, dass sie sich eines solchen Grolls nicht wirklich bewusst geworden war. Auf ihren Vorschlag nämlich, gemeinsam einen Tanzkurs zu besuchen, hatte Herbert gemeint, dass sie lieber einen EDV-Kurs oder Sprachkurs belegen sollte oder noch besser, dass sie die Eltern oder Schwiegereltern öfter besuchen sollte, anstatt einen unnötigen Tanzkurs zu absolvieren. Er jedenfalls habe kein Interesse daran, sie dorthin zu begleiten.

Ein Wort gab das andere und Marianne erkannte schlagartig, wie wenig Verständnis Herbert für die Freuden des Lebens, für dessen Sinnlichkeit und unverzweckte Fülle aufbrachte. Offenbar lag ihm auch nichts an der Freude des gemeinsamen Tanzens. Eigentlich zählte für ihn nur das Pragmatische. Spaß und Spiel waren in seinen Augen nur unnützer Tand. Dass Herbert im Laufe der Jahre immer großzügig, hilfsbereit und geduldig gewesen war, dass er Marianne eigentlich alle Entscheidungen vertrauensvoll überlassen hatte und sich kaum in ihre liberale Erziehung der Kinder eingemischt hatte, obwohl er selbst mehr Religiosität und Disziplin bevorzugt hätte, all das zählte in diesem Augenblick nicht. Marianne hatte auf einmal das Gefühl, in Herberts Gegenwart zu ersticken. Sie wollte nur noch weg, weg, weg.

Auf der Straße atmete sie zwei Mal durch und sehnte sich danach, allein zu sein, einen klaren Kopf zu bekommen. Frühstücken in einem Café eignete sich dafür überhaupt nicht. Eine Stunde zu früh in der Arbeit zu sein und dort einen Kaffee zu trinken wollte sie auch nicht. Da läuteten die Glocken ihrer Pfarrkirche. Kurzerhand setzte sie sich zu den Wenigen, die in die Frühmesse wollten. Schon nach kurzen Augenblicken fühlte sich Marianne besser. Der zarte Duft nach Weihrauch und Kerzen, die festliche Größe dieses neugotischen Kirchenraumes, das stille Gebet der anderen, all das umfing sie und ließ etwas Frieden in ihr aufgewühltes Gemüt sickern.

Der Mesner zog an der Glocke bei der Sakristei, der Pfarrer betrat mit ernstem konzentriertem Gesichtsausdruck den Altarraum, küsste den Altar und begann die Messe mit dem Kreuzzeichen. Es war eine stille kurze Messe ohne Lieder. Marianne war kaum bei der Sache, aber diese Atmosphäre, die Rituale, die sanfte Stimme des Priesters und Ernsthaftigkeit der Mitfeiernden beruhigten und besänftigten sie. Die wenigen Worte, die der Pfarrer zum Evangelium an die Gemeinde richtete, ließen Marianne aber aufhorchen. Er sagte: „Jeder Tag ist ein besonderes Geschenk und zwar ein Geschenk der Begegnung. Je inniger wir anderen begegnen können, desto besser begegnen wir uns selbst, unserer Mitte. Je mehr wir aber uns selbst begegnen, desto tiefer finden wir zu Gott.“ ‚Mir selbst begegnen, Herbert begegnen, Moritz und Helene begegnen… Wie begegne ich wirklich?‘ fragte sich Marianne.

Beim Friedensgruß neigte sich ein ziemlich alter Herr zu ihr und gab ihr lächelnd die Hand. Der Duft herben Rasierwassers schlug ihr entgegen und blieb auch an ihrer rechten Hand haften. Marianne schmunzelte bei dem Gedanken, dass sich dieser betagte Herr so gepflegt auf den Tag vorbereitet hatte. Sie schielte zu ihm hinüber: weißes Hemd, wenn auch an den Manschetten ziemlich abgewetzt, alter, aber gut gepflegter Anzug, Krawatte, Lederschuhe, die einmal sehr teuer gewesen sein mussten, Jahrzehnte zuvor. Der alte Herr war im Sonntagsstaat in die Kirche gekommen. Marianne fand das rührend. Genüsslich sog sie noch einmal den herben Duft ein, der von ihm ausging...

 

(Die ganze Geschichte wird im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA" veröffentlicht.)

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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