Erkenntnis

 

 

Pater Simon Felsing hob feierlich den Kelch nach den Wandlungsworten: „Nehmt und trinket alle daraus, das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Er hob den Kelch so hoch es ihm möglich war angesichts der Schmerzen in der rechten Schulter, die ihn morgens plagten neben anderen kleinen Beschwerden, die 79 Lebensjahre so mit sich bringen. Nur die sieben Mitbrüder, keiner jünger als 65, waren bei dieser Frühmesse anwesend. Und wie in den Feiern zuvor verharrte P. Simon in dieser Stellung länger als erwartet. Je länger er auf den Kelch blickte, desto leerer fühlte er sich, leer, versteinert, entseelt. Nach endlosen Augenblicken senkte er den Kelch, um ihn auf den Altar zu stellen neben die Patene mit der großen Hostie. Und wie in den Messfeiern zuvor verharrte er auch hier Minuten lang. Er starrte auf den Altar, auf Kelch und Patene auf das Messbuch, die Kerzen und Blumen, dann auf seine Mitbrüder, die bei dieser Messe um sechs Uhr morgens halb dösend, halb andächtig vor ihm saßen. Sie merkten nicht, dass er selbst versteinert war, jeglichen Inhalt seines Lebens vermisste, ja sogar Probleme hatte, überhaupt etwas zu denken. Anscheinend glaubten sie, P. Simon verharre in meditativer Andacht. Doch es vergingen viele Minuten. Bruder Franz, der als Ministrant hinter dem Zelebranten stand, trat unruhig einen Schritt vor, um zu sehen, ob der Priester Hilfe brauche. Jetzt erst bemerkten auch die anderen, dass etwas nicht stimmte und wie bei jeder dieser Feiern wandte sich der Zelebrant nun Richtung Sakristei, entledigte sich respektlos der Stola, die er noch im Altarraum zu Boden fallen ließ, dann streifte er im Gehen die weite grüne Kasel über den Kopf, nestelte das Zingulum auf und schälte sich endlich aus dem weißen Messkleid. Jedes Stück dieser liturgischen Gewänder bildete eine Spur am Boden. Im Hinausgehen langte Simon nach der Jacke am Haken neben der Sakristeitür, die nach draußen führte, und eilte so schnell er konnte hinaus, um dort tief Luft zu holen.

 

Von Atemzug zu Atemzug entfernte er sich mehr von der Klosterkapelle, ohne sein eigenes Zutun. Wir durch Zauberei wurde er atmend davongetragen. Der erste tiefe Atemzug führte ihn vor die Ortschaft auf eine große Wiese. Der zweite brachte ihn in den dichten großen Wald, der zwischen der Ortschaft und der Landstraße lag. Und beim dritten Atemzug stand er am Gipfel seines Lieblingsberges, den er noch bis zu seinem siebzigsten Lebensjahr jährlich mit einigen anderen Geistlichen bestiegen hatte. Da erst fand er zu sich, fand zu seiner Ruhe, fühlte Lebendigkeit, innere Freiheit. Und da, jedesmal in diesem Moment der Freude, erwachte er, immer genau um drei Uhr morgens, also 90 Minuten vor Beginn der morgendlichen Gebete in der Kapelle. Es war der siebente Tag in Folge mit diesem Traum. Zunächst hatte Simon den Traum nicht weiter beachtet, dann hatte er versucht, daraus eine Botschaft abzulesen. Mittlerweile beunruhigte ihn die hartnäckige Wiederholung dieser nächtlichen Flucht aus der Liturgie und auch aus der Ordensgemeinschaft. Andererseits beglückte ihn das Ende des Traumes mehr, als ihn die Flucht beunruhigte. Im Taumerlebnis stand er allein am Gipfel des Berges neben dem Gipfelkreuz. Da waren keine weiteren Personen. Frei atmend und glücklich genoss er die unbeschreiblich schöne Aussicht, spürte den frischen Wind, die gute Luft und die milden Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages.

 

Während er an diesem siebenten Morgen nach diesem Traum als Cozelebrant am Altar stand und mit der Hand auf den Kelch wies, den sein Mitbruder in die Höhe streckte, kam ihm in den Sinn, dass der Grund dieses Wiederholungstraumes vielleicht die Trauer um seine geschwunde Vitalität war, die es ihm unmöglich machte, Berge zu besteigen. „Herr, in dir ist Leben“, dachte er fromm, als er sich in Richtung Brot und Wein verneigte, während der Hauptzelebrant eine tiefe Kniebeuge machte. Dieser Satz brannte sich ihm ein. „Herr, in dir ist Leben.“ Es war wie ein Ohrwurm, den er nicht los wurde. Seine ganze Aufmerksamkeit war damit belegt: „Herr, in dir ist Leben“. So verstrich der Rest der Messe für Simon wie in Trance. Mehr mechanisch als bewusst vollzog er die restlichen Riten, Gebete, Gesten. Als sie dann alle schweigend frühstückten, war ihm, als seien es mechanische Atrappen, die da um den Gemeinschaftstisch saßen. Bruder Franz neben ihm, als Jüngster war es seine Aufgabe, sich um die betagten Mitbrüder zu kümmern, falls nötig. Er krümelte das Brot nervös und pickte es dann mit drei Fingern auf. Außer Kaffee und Brot frühstückte er nichts. Daneben P. Arnold, der sich genüsslich zwei dicke Scheiben mit Butter bestrich und dann großzügig mit Käse und Wurst belegte. P. Markus, der asketisch an seinem schwarzen Kaffee nippte und allein vom Anblick des üppigen Tellers seines Sitznachbarn leichte Übelkeit verspürte. So streifte Simons Blick weiter. Alles wirkte wie hinter Glas, als schaue er fern und als habe diese Gruppe von Männern nichts mit ihm und seinem Leben zu tun. Leere erfüllte ihn, eine Leere, die schlimmer war, als jede Traurigkeit. Vor allem war sie so mächtig, dass sie jeden Gedanken an Inhalt oder an sinnvolles Handeln von vorne herein ausschloss. Er frühstückte kaum, die Leere vertrieb ihm sogar den Appetit, der in seinem Alter ohnehin nicht besonders groß war.

 

Herr, in dir ist Leben“, hämmerte es nach wie vor in seinen Gedanken. Doch auch dieser Satz schien ihm wie das mechanische Geräusch des Teigrührgeräts in der Küche. Es war nur die Folge von Drehung und Gewicht, ohne weiteren Inhalt. Simon versuchte es zu ignorieren, dass ihm nicht einmal der Gedanke an den Erlöser Frieden und Freude verschaffen konnte. „Eine Zeit der Wüste, der Herr prüft, wen er liebt“, sagte er sich und machte nach dem Frühstück seinen gewohnten Spaziergang im Klostergarten. Die Sonne wärmte noch nicht, alles war noch taunass. Jeder Tropfen auf den Pflanzen funkelte wie Diamanten. Besonders schön waren die taubenetzten Spinnennetze. Simon liebte diese Morgenstimmung, liebte die Natur und war sehr dankbar dafür, noch so mobil zu sein, sich solche Spaziergänge zu erlauben. Er atmete tief durch, um sich zur Freude an der Schöpfung zu zwingen und die betäubende innere Leere damit zu vertreiben. „Herr, in dir ist Leben“, hämmerte es in seinem Hirn und hämmerte alle Freude weg, alle Gefühle. Grauen beschlich ihn, denn er betrachtete die funkelnde Schönheit, die ihn umgab, spürte die belebende Frische und empfand absolut nichts dabei. Inhaltsleer war alles, was er sah, inhaltsleer sogar das Glaubensbekenntnis: „Herr, in dir ist Leben“.

 

Da erkannte er, dass etwas Schlimmes in ihm passiert war und dass diese Leere keine vorübergehende Wüstenerfahrung war, sondern ein Tod, der in ihm das Leben verdarb, ein Tod, der vielleicht schon längst in ihm gewohnt hatte, aber unerkannt geblieben war. Simon wollte weinen, um den Tod mit heißen Tränen zu verätzen. Doch die Kunst des Weinens hatte er sich bereits als Jugendlicher abgewöhnt. Wie bereute er das nun! Inzwischen hatte er sich auf eine der taunassen Bänke gesetzt, denn die Erkenntnis der Leere schwächte ihn. Er spürte die feuchte Kälte, die langsam seinen Mantel durchdrang und war ein wenig erleichtert. Endlich spürte er etwas. Am anderen Ende des Gartens ging Bruder Bernhard, um Kräuter und Karotten für das Mittagessen zu holen. Er und Bruder Franz waren für die Küche zuständig. Sie arbeiteten bedächtig, mit großem Zeitpolster. Bernhard stolperte und fing den Sturz mit der Linken ab, an der daraufhin feuchte Erde klebte. Sichtlich verärgert rappelte er sich wieder hoch. Als er gegangen war, bückte sich Simon über ein Beet und grub die Rechte tief in die Erde. Das Kalte, Feuchte fühlte sich gut an, lebendig. Er spielte ein wenig und wühlte herum. Das war angenehm, gab ihm ein wenig Leben zurück. Das Bücken aber war mühsam für ihn. Schließlich richtete er sich wieder auf und ging dann auf sein Zimmer, um sich die Hände zu waschen.

 

Lang und verschwenderisch ließ er warmes Wasser über seine Hände laufen. Das war fast ein wenig wie Wollust stellte er überrascht fest. Auch das Einseifen fühlte sich angenehm an, er streichelte sich anbwechselnd die Hände. „Herr, in dir ist Leben“, mahnte ihn plötzlich eine strenge Stimme, da schämte er sich seiner kindischen Spielereien. „Mein Leben ist erfüllt durch die Gnade Gottes, die mich in den Dienst der Kirche gerufen hat! Gepriesen sei der Herr! Herr! In dir ist Leben!“, beschwor er sich...

 

 

(Die ganze Geschichte erscheint im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA")

 

 

 

Bild: Wolfgang B.

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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