FARBEN

 

1. Kapitel

 

Es war später geworden. Als Erich das Büro verließ, waren die meisten Kollegen bereits gegangen. Die Stille der Räume und Gänge berührte ihn seltsam, und er genoss die Abwesenheit der anderen. Einen Augenblick zögerte er vor dem Kaffeeautomaten; sollte er noch einen letzten Kaffee trinken, hier, allein und damit das angebrochene Wochenende feiern? Schließlich ging er doch weiter, denn er würde ja spätestens eine halbe Stunde später zu Hause sein. Seine Augen brannten. Er hatte fast den ganzen Tag angestrengt am Computer gearbeitet.

 

Draußen wehte ein leichter Frühlingswind, doch in den Straßen lärmte und stank es von unzähligen Autos. Erichs Straßenbahn steckte überfüllt in diesem Stau. Es widerstrebte ihm, da einzusteigen. Noch bevor sie bimmelnd in den Haltestellenbereich einfuhr, überquerte er die Straße und bog in eine Seitengasse ein. Er wollte zu fuß nach Hause gehen. Als er bereits einige Minuten da unterwegs war, wo ihm nur ab und zu ein Fußgänger begegnete, wo selten ein Auto vorüberrollte, atmete Erich unbewusst auf. Nicht nur die Ruhe tat ihm gut, auch die Dämmerung in diesen Gassen war ihm angenehm.

 

Sobald er nach Hause kam, drehte er gleich das Radio an, stellte einen Kaffee zu und duschte. Die Unordnung in dieser Zimmer-Küche Wohnung störte ihn nicht, denn die wenigen Freunde, die ihn ab und zu besuchten, hatten Verständnis dafür. Erich war Junggeselle, Mitte dreißig und besaß kein Fernsehgerät. Er liebte Bilder, Bücher und das Radio. An die Wand hatte er verschiedene selbst gefertigte und gekaufte Poster geheftet, Bücher und Gewand lagen verstreut in der Wohnung herum.

 

Er machte es sich auf dem Sofa bequem. Gebrauchte Kaffeehäferl, Zeitungen und Zettel, die am Tisch lagen schob, er beiseite, um dem frisch bereiteten Kaffee Platz zu machen. Dabei fiel sein Blick auf ein Foto, das da wohl aus irgendeinem Buch gefallen sein mochte, in dem es wohl als Lesezeichen gedient hatte. Nun lag es am Boden. Erich hob es auf und betrachtete das Bild, während er an seinem Kaffee nippte. Er lächelte bei der Erinnerung an ein Ferienlager am Land, auf das er mit vierzehn gefahren war. Mit zwei anderen Buben saß er auf einer Holzbank und hielt eine getigerte Katze am Schoß. An die Katze konnte er sich sehr gut erinnern, denn er hatte während jenes Aufenthaltes oft mit ihr gespielt. Die beiden Buben auf dem Foto waren ihm nun aber fremd.

 

Im Radio erzählte ein Wissenschafter gerade etwas von elektrischer Aufladung des menschlichen Körpers, von dem dadurch entstehenden Magnetfeld und von schädlichen Kunststoffteppichen. Erich legte das Foto weg und stellte einen anderen Sender ein. Er wollte Musik hören und ein bisschen lesen. Es brannten ihm aber noch immer die Augen, und sehr bald schlief er ein. Er glaubte nicht sehr tief zu schlafen, weil ja das Radio und das Licht an waren, trotzdem hatte er einen Traum, den er mit allen Einzelheiten in Erinnerung behielt.

 

Er ging auf einem langen hellen Weg, und rund um ihn bewegten sich bunte Nebelschleier. Es war, als sei die ganze Luft bunt gefärbt, doch die meisten Farben hatten Tönungen, die Erich bis dahin noch nie gesehen hatte. Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Erich war es, als sei Leben und Bewusstsein in den Farben, die ihn umgaben. Plötzlich stand er vor einer riesigen finsteren Felsenhöhle. Er blieb stehen, doch alle Farben strebten in diese Höhle und verschwanden darin. Nun wusste Erich, dass Leben in den Farben war und dass sie nicht nur um ihn herum gewesen waren, sondern ihn bewusst auf diesem Weg begleitet hatten.

 

Dann wurde es dunkel, und Licht drang nun einladend aus der Höhle. Erich trat ein. Als er aber einige Schritte gegangen war, stand er plötzlich vor einer derart hellen Lichtquelle, dass er schützend die Hand vor die Augen hielt und sich abwandte.

 

Der Rest dieser Geschichte ist unter dem Titel „Sichtbar nicht da“ beim Verlag united p.c. erschienen, ISBN: 978-3-7103-1618-0 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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