Gänseblümchens Traum

 

 

 

Sturm wehte heftig über das hübsche Köpfchen des Gänseblümchens hinweg und endlose Regenschauer oder Nebel ließen die kleine Blume frösteln. Sie stand allein inmitten kurzer dunkelgrüner Grashalme, die nun robuster waren als im Frühling und auch weniger gesellig. Schon lange blieben die vielen lustigen Fluggäste aus, die im Sommer geschäftig über die Wiese schwirrten. Das Gänseblümchen bewunderte von ihnen vor allem die eitlen aber so anmutigen Schmetterlinge. Was für ein schöner Anblick waren sie gewesen, tanzend im wärmenden Sonnenlicht.

 

 

 

Jetzt aber blieb die Wiese einsam und still. Warum schlief das Gänseblümchen nicht schon längst mit seinen vielen Geschwistern in der bergenden gemütlichen Erde? Schuld daran war ein Eiskristall, der mitten im Sommer so unerwartet als Hagelkorn neben dem überraschten Blümchen gelandet war, schöner, als alles, das es im Leben des Gänseblümchens je gegeben hatte. Seine vornehm kühle Ausstrahlung beeindruckte das schlichte Gemüt des Blümchens.

 

 

 

„Wer bist du und woher kommst du?“ fragte es schüchtern. Der Eiskristall schaute das Blümchen einen Moment lang ganz bewusst an. Er fand Gefallen an diesem Anblick, schmiegte sich unauffällig an den zarten Stängel der Pflanze und weinte eine Träne der Rührung, weil von diesem kleinen Wesen mütterliche und freundschaftliche Wärme ausging.

 

„Ich bin Eis und komme vom Himmel“, antwortete er schließlich. Die Begriffe 'Eis' und 'Himmel' waren der  Blume fremd, doch sie spürte, dass beides etwas Besonderes sein musste. Darum flüsterte sie:

 

„Du bist wunderschön, Herr Eis!“ Ihre rosa Spitzen an den schmalen weißen Blütenblättern röteten sich dabei und zeigten die Absicht, sich verschämt über die gelbe Mitte zu neigen und damit die Blüte zu schließen...

 

(Die ganze Geschichte wird im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA" veröffentlicht.)

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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