Gott gefunden

 

Peter saß beim Küchentisch und löste frische Erbsen aus. Er liebte es, Obst und Gemüse direkt vom nahen Markt zu holen, davon zu kosten und dabei Kindheitserinnerungen wach werden zu lassen. Mit seiner Mutter hatte er oft in ihrem Gemüsegarten geerntet, hatte die frischen Karotten oder Radieschen in der Regentonne gewaschen und sie genüsslich mit kräftigen Knackgeräuschen gegessen. Auch die frischen Erbsen schmeckten köstlich, roh besser als gekocht. Zwar fand Peter, dass sowohl Obst als auch Gemüse nun weniger intensiv schmeckten als in seiner Kindheit, trotzdem bereitete es ihm Freude, eine Gemüsesuppe so zuzubereiten, wie es seine Mutter immer gemacht hatte, sie mit frischen Kräutern abzuschmecken und am Ende üppige Butternockerln einzukochen. Immer wieder steckte er sich eine Erbse in den Mund oder ein Stück Karotte.

 

Da rollte eine einzelne Erbse vom Tisch, als Peter sie mit geübten Fingern von der Schote löste. Er blickte ihr nach, wie sie so makellos rund wie eine kleine grüne Murmel über den Küchenboden rollte und vollkommen allein liegen blieb. Sie lag so klein und einsam da auf den weißen Küchenfliesen, dass Peter sie nicht gleich aufheben mochte. Er betrachtete die Szene wie ein Gemälde. Es sah hübsch aus, weiß mit grünem einsamem Punkt. „Ich bin klein und hilflos und diene dir zur Nahrung“ schien die Erbse zu sprechen. „Du bist hübsch und beschützenswert. Ich will für dich sorgen“, antwortete Peter in Gedanken. Er war gerührt und hatte wirklich das Gefühl, als spräche die Erbse zu ihm. Vielleicht lag das daran, dass er gerade an seine verstorbene Mutter gedacht hatte, vielleicht fühlte er sich aber auch einfach nur einsam. Jedenfalls war ihm, als sagte die Erbse: „Du findest in mir die Welt. Du findest in mir das ganze Universum und alles was ist. Ich bin zu dir gekommen, um dir als Nahrung zu dienen. Makellos rund bin ich, ein Zeichen für die ewige Liebe, für die Vollkommenheit. Das bin ich für dich. Nimm mich in dich auf, ich diene dir als Nahrung und bin in dir und bin das Leben in dir.“

 

Ergriffen hob Peter die Erbse behutsam hoch. Nun lag sie in seiner Handfläche, klein, grün, ihm ausgeliefert. „Ich kann dich nicht in der Suppe kochen, ich kann dich nicht einfach essen, kleine hübsche Erbse. Du hast zu mir gesprochen. Ich liebe dich“, flüsterte er zärtlich. Er lebte allein in der kleinen Wohnung und redete oft mit sich. Dass er aber einen kleinen Gegenstand, ein Gemüse, zärtlich ansprach, war neu. „Lass mich in dir sein, ich bin unvergänglich. Ich erstehe immer neu.“ Peter hatte das Gefühl, als wolle die Erbse das sagen, doch er konnte sich nicht mehr dazu durchringen, sie als eine unter vielen zu sehen, als eine gewöhnliche Erbse eben. Je länger er sie betrachtete, desto perfekter und hübscher empfand er sie. In seinen Augen strahlte sie Persönlichkeit aus und Würde.

 

„Wer bist du?“ fragte er und wartete gespannt auf eine Antwort. Doch da kam nichts. In seiner Hand lag einfach eine Erbse. Er konzentrierte sich auf sie. Diese Fokussierung strengte seine Augen an, darum gewann er das Gefühl, als sei die Erbse von einem zarten Licht umgeben. Das Starren auf einen kleinen grünen Punkt entspannte ihn, darum fühlte er sich leicht und friedlich. Er roch das Gemüse, das bereits für die Suppe vorbereitet war, er sah die bunte Vielfalt auf dem Tisch: weiße Kohlrabiwürfel, beige Würfel der Selerieknolle, orange Karotten, hellgrüne Erbsen, dunkelgrüne Kohlsprossen. „Paradiesisch schön!“ dachte er und blickte wieder auf die grüne Perle in seiner Hand. „Himmelsperle!“ sagte er zärtlich. „Ich bin dir Nahrung und Freude“, glaubte er zu vernehmen. Diese ganze Szene erfüllte ihn mit Frieden. Er nahm einen kleinen Teller und legte seine Erbse darauf. Der Teller bekam einen Ehrenplatz auf dem Regal. Danach erst kochte Peter weiter...

 

 

(Die ganze Geschichte erscheint im Herbst 2018 im Sammelband "DASDA")

 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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