KRANK

 

Johanna hatte Frühdienst. Ausgeruht betrat sie die Krebsstation, in der sie nun seit drei Jahren als Krankenschwester arbeitete. Sie liebte ihren Beruf, in dem sie viel Wärme und Trost geben konnte, all das aber auch zurückerhielt durch das bloße Sein der Patienten und durch die nie schwindende Hoffnung auf Heilung - und sei es erst im Leben nach dem hiesigen. Die Nachtschwester hatte ihr erzählt, dass während der Nacht eine ältere Frau in recht kritischem Zustand eingeliefert worden sei. Diese suchte Johanna zunächst auf. In gewohnter Fürsorge las sie zunächst den Namen und beugte sich dann freundlich über die Patientin. Bevor sie aber noch einen Gruß aussprechen konnte, schreckte sie leicht zurück. Einige Augenblicke schaute sie das blasse, schmerzverzerrte Gesicht der Frau an, dann wiederholte sie leise ihren Namen: Irmgard Pirk. Rasch fasste sich Johanna, um sich die Gefühlsregung nicht anmerken zu lassen, die sie so unerwartet durchströmte.

 

Sie war nun eine erwachsene und beliebte junge Frau. Ihr Leben verlief, wie sie es sich immer erträumt hatte; unabhängig, zufrieden, erfolgreich. Nun aber fühlte sie sich in ihre Volksschulzeit zurückversetzt, in die Zeit, da sie als kleines schüchternes Mädchen vor der überstrengen Lehrerin stand und sich gedemütigt fühlte, wenn diese sie nur anschaute. Diese Lehrerin schien alle Kinder als ihre persönlichen Feinde zu betrachten, die für ihre bloße Existenz bereits bestraft gehörten. Johanna selbst aber fühlte sich als alleinige Zielscheibe des Spottes und der Verachtung dieser Übermächtigen. Es gab nur ganz wenige Kinder, die von der Lehrerin ab und zu ein Lob, vielleicht sogar ein Lächeln ernteten. Das waren die Überbraven, die mit den schönen Zierzeilen und dem netten Augenaufschlag. Johanna aber brachte es nicht über sich, der Lehrerin ins Gesicht zu blicken. Jedes Wort, das man ihr abverlangte, kostete sie unendlich große Überwindung. Entsprechend waren auch ihre Leistungen.

 

Vier Jahre lang, die ersten vier Jahre ihrer Schulzeit, litt Johanna allein bei dem Gedanken an die Schule. Nun stand sie wieder vor der Lehrerin, unerwartet und in einer neuen Rolle. Das Schlimmste aber war, dass diese wunderbare Rolle der weißen guten Fee für bedürftige Kranke nun nicht funktionierte. Johanna fühlte sich klein und unfähig, ausgeliefert und schwach beim Anblick dieses allzu vertrauten, allzu gehassten Gesichtes.

 

„Guten Morgen Frau Pirk. Ich bin Schwester Johanna“, sagte sie endlich so freundlich wie möglich. Die Frau öffnete leicht die Augen und wollte den Gruß erwidern. Sie brachte jedoch nur ein schmerzverzerrtes Gesicht zustande und stöhnte gequält auf. Johanna rief den Arzt über den Piepser und gab der Patientin zu trinken. In gewohnter Weise berührte sie die Kranke mit kleinen unaufdringlichen Zärtlichkeiten; sie streifte ihr das Haar aus der Stirn, sie legte ihr den Arm um die Schulter, als sie ihr zu trinken gab, sie lächelte ihr zu. Zum ersten Mal wurde es Johanna bewusst, wie sehr diese Liebenswürdigkeiten Routine geworden waren, zwar nicht leer und nichts sagend, doch leicht und unbewusst. Ohne diesen Schatz an Berufskönnen, hätte sie dieser gefürchteten Frau niemals so unbeschwert freundlich begegnen können. ‘Bin ich denn noch immer das kleine Mäderl, das sich vor der groben Lehrerin fürchtet?’ Fragte sie sich zerknirscht, während sie auf den Arzt wartete. 

 

Der Rest dieser Geschichte ist unter dem Titel "Sichtbar nicht da" beim Verlag united p.c. erschienen, ISBN: 978-3-7103-1618-0 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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