REGEN

 

Eine Hommage

 

Martina fuhr nun bereits zwanzig Minuten auf dieser verregneten Landstraße, ohne eine Ortschaft zu entdecken oder auch nur einen Wegweiser dafür. ‚Was für eine verlassene Gegend’ dachte sie. Sie musste dringend auf die Toilette. Draußen hatte es ungefähr sechs Grad, dazu der eisige Wind und dann dieser heftige Regen. Nein, ein kurzes Halten an einem Waldrand war undenkbar. Sie musste ein Gasthaus oder eine Tankstelle finden. Es war Sonntag Nachmittag und kaum jemand war ihr auf dieser Fahrt begegnet. Da, ein Fußgänger ohne Schirm hielt den Damen hoch, als er sie herannahen sah. Es wirkte resigniert und hoffnungsvoll gleichzeitig. ‚Der holt sich den Tod bei dem Wetter’, dachte sie und hielt unwillkürlich an, obwohl sie sonst nie Anhalter mitnahm. Hier handelte es sich aber wohl mehr um erste Hilfe, denn zu fuß würde dieser Wanderer noch Stunden bis zu nächsten Ortschaft brauchen. Schnell warf Martina die Decke, die am Rücksitz lag, über den Beifahrersitz, denn ihr Fahrgast triefte. „Danke! Tausendmal Danke!“ stotterte der Mann. Er zitterte vor Kälte.

 

Neugierig musterte Martina ihn. Sie schätzte ihn etwas jünger als sie, also so um die dreißig. Sein schütteres rötliches Haar trug er sehr kurz, die blassblauen Augen wirkten gerötet, er roch aber nicht nach Alkohol. Fieberhaft fingerte er ein Päckchen Taschentücher aus der Tasche, die waren aber auch bereits durchnässt. „Im Handschuhfach sind Taschentücher“, sagte Martina. Er nickte zum Dank und putzte sich die Nase. „Kennen Sie sich hier aus? Ich müsste dringend aufs Klo“ fragte sie hoffnungsvoll. „Nein, leider nicht“, war die ernüchternde Antwort. Inzwischen schüttete es immer heftiger. Da, einige hundert Meter weiter vorne leuchtete das Symbol einer Tankstelle. Martina stieg etwas aufs Gas. Die Strecke war in keinem guten Zustand und sie befürchtete Aquaplaning, doch der Harndrang wuchs mit der Aussicht auf Erleichterung. Sie hätte die zweite Tasse Kaffee bei Tina, ihrer Freundin, nicht trinken sollen, dazu das Glas Wasser. ‚Nur nicht an Wasser denken!’ Sie hielt den Wagen bei der Zapfsäule, denn der Sprit hier war billig und ihr Tank nur noch ein Drittel gefüllt. Rasch zog sie den Schlüssel, schnappte sich die Handtasche vom Rücksitz – schließlich saß da ein Fremder in ihrem Auto – dann war sie auch schon im Geschäft und hielt Ausschau nach den Toiletten.

 

Als sie sehr erleichtert zurückkam, stand ihr Fahrgast an der Kassa und zahlte gerade mit Kreditkarte. Verwundert schaute sie ihn an. „Ich habe mir erlaubt, für Sie zu tanken, außerdem gibt’s da noch was Süßes, falls Sie das wollen“, meinte er lächelnd. Seine Lippen wirkten leicht bläulich. Er war ja nach wie vor total durchnässt und hatte bei diesem eisigen Wind getankt. „Sie werden sich erkälten!“ war das erste, was Martina einfiel, dann fügte sie hinzu: „Was schulde ich ihnen?“ „Nein, ich übernehme das. Seit es so sehr regnet, sind fünf Autos an mir vorbeigefahren. Keiner hat mich mitgenommen. Ich bin ganz in Ihrer Schuld und freue mich richtig, Sie auf die paar Euro Sprit einladen zu können.“ Martina verschlug es die Sprache. So etwas Freundliches hatte sie noch nie erlebt. Andererseits, sagte sie sich, ich war ja auch freundlich zu ihm. Doch sie konnte sich eines Anflugs von Sympathie nicht ganz erwehren.

 

„Wieso sind Sie denn da in den Pampas ohne Schirm im Regen unterwegs? Und vor allem, wo wollen Sie überhaupt hin?“ fragte sie ehrlich interessiert, während beide wieder einstiegen. Der Mann sah sie kurz an. Martina hatte das Gefühl, als würden seine blauen Augen bei diesem Blick eine dunklere Färbung annehmen. „Ach, wie soll ich anfangen?“, versuchte er es, doch im nächsten Augenblick legte er beide Hände vors Gesicht und weinte. Martina hatte noch nie einen Mann weinen sehen. Dieser Anblick erschütterte sie und machte sie hilflos. Die Männer, mit denen sie es für gewöhnlich zu tun hatte, waren die unerschütterlichen selbstbewussten Helden, die jederzeit alles im Griff hatten. Ihr Ex Julian fiel ihr ein. Ein Bild von einem Mann, erfolgreich, charmant, eloquent, groß und sportlich. Nicht nur sie hatte sich damals, vier Jahre zuvor sofort in ihn verliebt, als er in die Firma kam. Er aber hatte sie erwählt, hatte sich mit ihr eingelassen und war einige Monate danach sogar bei ihr eingezogen. Und nicht nur das. Er war ein wahrer Kenner, ein kleiner Gott im Bett und verstand es nicht nur, sie in jeder erdenklichen Weise zärtlich zu verwöhnen, sondern auch, sie ganz und gar von sich abhängig zu machen.

 

Sonderbar, dass sie gerade heute diesem Jammerlappen da neben sich begegnete. Ein Mann mit dem Aussehen eines Faschingskrapfens, so blass mit den rötlichen Haaren, kaum größer als sie selbst, mit einer Stimme, die wie Blech klang verglichen mit der tiefen wohlklingenden Stimme Julians. ‚Verdamm! Warum vergleiche ich die beiden eigentlich?’ kam ihr in den Sinn. Doch sie wusste die Antwort. Jeder Mann erinnerte sie an Julian, der sie vor nunmehr zwei Monaten aus heiterem Himmel verlassen hatte. Er wohnte nun bei seiner neuen bedeutend jüngeren Freundin, die ausgerechnet Model war. Martina war zwar durchaus attraktiv und selbstbewusst, aber mit ihrer Figur nie so ganz zufrieden. Zwar war auch sie sportlich und nicht mollig, aber grazil und schlank, wie sie es gerne wäre, war sie auch nicht. Sie hatte Tina, ihre Freundin an diesem Wochenende in der Steiermark besucht, weil sie deren Rat und offenes Ohr brauchte. Die Trennung von Julian hatte sie sehr aus der Bahn geworfen. Und anstatt besser ging es ihr damit von Woche zu Woche schlechter. Eigentlich hätte sie nun schon längst in Wien sein sollen, doch dann gab es diese Karambolage auf der Autobahn mit der Totalsperre und der Umleitung. Anschließend hatte sie sich verfahren, das Navi auch nicht dabei und nun befand sie sich irgendwo im Nirgendwo.

 

„Wohin fahren Sie denn?“ fragte nun der Mann mit noch immer weinerlicher Stimme. „Eigentlich nach Wien, aber ich habe mich verfahren. Auf die Autobahn kann ich erst nach Graz wieder auffahren. „Was ist denn passiert?“ fragte der Mann besorgt. Martina erzählte es in kurzen Worten. „Oh mein Gott, hoffentlich ist Karin nicht davon betroffen! Sie wollte auf die Autobahn“, meinte er und blickte nachdenklich aus dem Fenster. „Jetzt sagen Sie doch mal, wohin Sie wollen und warum Sie da wie ausgesetzt im Regen herumlaufen bei dieser Kälte“ forderte Martina ihn etwas ungeduldig auf.

 

Er stellte sich als Simon Weiß vor und erzählte, dass er mit seiner Freundin Karin, mit der er nun bereits fünf Jahre zusammen lebte, ein paar freie Tage in der Südsteiermark verbracht hatte. Dort hatte er erfahren, dass sie ihn bereits das dritte Jahr mit seinem besten Freund Max betrog. Darum hatte sie auch vorgeschlagen, Max solle sich ihnen auf dieser Fahrt anschließen. Max nahm das alles nicht so tragisch und meinte, Simon sei schon immer recht geduldig und verständnisvoll gewesen, er solle doch nicht so einen Aufstand machen, nur weil da eben eine Dreierbeziehung laufe. Simon selbst konnte es nicht fassen, dass Max ihn dermaßen hinterging und nicht einmal vorhatte, an dem Verhältnis etwas zu ändern. Als er dann auf einer Fahrt mit Karin alles klären wollte und ihr schließlich ein Ultimatum stellte, hatte sie kurz angehalten und ihn angeschrieen: „Steig aus!“ Ein Wort gab das andere, bis es Simon zu dumm war und er tatsächlich aus dem Auto stieg. Zu spät aber hatte er gemerkt, dass da weit und breit kein Ort zu sehen war. Dann hatte es zu regnen begonnen. Der Wind hatte die Kälte noch verstärkt. Simon war bereits eine Stunde unterwegs gewesen, bevor ihn Martina mitgenommen hatte.

 

„Und wo wohnen Sie? Wohin wollen Sie?“ fragte Martina. Da schaute er sie entgeistert an. „Ich hab gar keine Schlüssel mit. Karin und ich wohnen zusammen in Linz. Sie hat gesagt, dass sie noch zwei drei Tage in der Steiermark bleibt.“ Er schaute sie mit einem Dackelblick an, dass Martina innerlich schmunzeln musste. „Können Sie mich bitte bis zur nächsten Stadt mitnehmen? Ich finde dort bestimmt eine Pension oder so.“ Sie antwortete spontan und glaubte nicht, was sie sich sagen hörte: „Wenn Sie wollen, können Sie mit zu mir kommen. Heute bekommen Sie nirgends mehr trockenes Gewand.“ In dem Moment, da sie es gesagt hatte, hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Was war plötzlich in sie gefahren? Hatte sie tatsächlich einem fremden Mann angeboten, bei ihr zu übernachten? Sie war fassungslos. Zu ihrer eigenen Entschuldigung sagte sie sich, dass es ihr einfach lästig gewesen wäre, jetzt in einer Stadt herum zu kurven und für diesen fremden Mann eine Pension zu suchen. Etwas erleichtert stellte sie auch fest, dass Simon zumindest keine Gefahr darzustellen schien. Er wirkte auf sie wie ein Bub. Außerdem hatte sie ein Gästezimmer und musste nicht befürchten, in ihrer Privatsphäre an diesem Abend gestört zu werden. Dann fiel ihr ein, dass sie ja am folgenden Morgen um sieben Uhr zur Arbeit gehen musste. „Wenn Sie wollen, können wir Ihre Sachen in den Trockner geben. Morgen muss ich nämlich recht früh zur Arbeit“, beeilte sie sich zu sagen.

 

Wieder schaute er sie mit dem Dackelblick an und sagte mit dieser hellen Stimme: „Sie sind so lieb zu mir!“ ‚Verdammt! Was ist denn das für ein Softie!’ dachte sie, fand ihn aber gleichzeitig herzig. Inzwischen war es bereits finster geworden. Martina dachte an Julian, an seine Zärtlichkeit und Leidenschaft, daran, wie locker er mit Problemen umging und wie leicht er sie immer aufzuheitern verstand, wenn sie die Dinge eben nicht auf die leichte Schulter nahm. Simon saß zusammengekauert neben ihr und stierte gedankenverloren aus dem Fenster. Da fiel Martina der letzte Silvester ein. Sie hatte sich wochenlang darauf gefreut, hatte sich herausgeputzt und voller Ungeduld auf Julian gewartet. Er aber war nicht gekommen. Viel zu spät hatte er dann angerufen und etwas von Stau und Autopanne erklärt.

 

Das ganze Wochenende lang hatte sie mit Tina über all diese Ungereimtheiten geredet, die sie während der Beziehung immer wieder erlebt, aber ignoriert hatte. Vor allem war es ein Thema gewesen, dass Julian kaum etwas zur Miete oder zu sonstigen Kosten beigetragen hatte, obwohl er in der Firma mehr verdiente als sie. Aber dass er bei ihr wohnte und für sie die eigene Wohnung gekündigt hatte, schien ihr ein so großer Liebesbeweis zu sein, dass sie alles andere nicht so eng sehen wollte. Dann allerdings, als er sich zwanzigtausend Euro von ihr leihen wollte, war sie tatsächlich etwas ernüchtert gewesen. Warum brauchte er plötzlich so viel Geld? Waren es Spielschulden, wie sie schon manchmal vermutete? Sie hatte ihm das Geld nicht geliehen. Ja, und einen Monat später war er ausgezogen. Ging es da ums Geld oder um die andere Frau oder um beides? War sie nicht attraktiv genug, nicht interessant genug für einen ständig umschwärmten Julian? Was hatte ihre Liebe ausgemacht? Ihr Schmachten und sein Wunsch nach häuslicher Geborgenheit, während er neben ihr ein Doppelleben führte am Spieltisch oder bei anderen Frauen? Erst nach der Trennung war ihr bewusst geworden, dass sie eigentlich wenig Persönliches miteinander geredet hatten. Andererseits, fürs Reden hatte sie ja Tina und ein bis zwei andere sehr wichtige Freundinnen.

 

Simon nieste heftig. Martina erschrak. Sie war so sehr in Gedanken gewesen, dass sie ihn fast vergessen hatte. Für den Rest der Fahrt sprachen sie kaum etwas. Martina fragte höflichkeitshalber nach seinem Beruf. Sanitäter. Es interessierte sie das Leben dieses kleinen Mannes – und so sah sie ihn nicht nur wegen seiner geringen Körpergroße – überhaupt nicht. Insgeheim dachte sie, dass er seiner Freundin bestimmt Anlass gegeben hatte, um so unbarmherzig in der Kälte stehen gelassen zu werden. Womöglich war er im Alltag pedantisch oder bevormundend oder schlampig oder sonst wie ungut.

 

Endlich in Wien bereute es Martina noch mehr, als bereits während der Fahrt, diesen Fremden eingeladen zu haben. Eigentlich wollte sie nur noch gemütlich duschen, etwas fernsehen, dabei eine Kleinigkeit essen  und dann ins Bett gehen. In der Wohnung kramte sie den wärmsten Bademantel hervor und einen Winterpyjama. Dass Simon nur um wenig größer war als sie, war da natürlich von Vorteil. Dann steckte sie sein Gewand samt Jacke in den Trockner und richtete einen kleinen Imbiss, während er heiß und lang duschte. Sie tranken Tee und aßen Käsebrote. Simon war wortkarg, langweilig, wie sie fand, darum schauten sie etwas fern, dann gingen sie schlafen. Am nächsten Morgen weckte sie ihn rechtzeitig und fragte, was er frühstücken wolle. „Gar nichts, ich geh dann gleich“ krächzte er. Sie stellte trotzdem Kaffee für beide auf, ging ins Bad und zog sich dann an. Erfrischt und irgendwie gut gelaunt kam sie in die Küche.

 

Simon saß bei Tisch und blickte auf, als sie hereinkam. „Ich wollte nicht bei Ihnen herumkramen, sonst hätte ich den Kaffee für Sie gerichtet“, meinte er. Martina erschrak. Simon glühte förmlich, seine Augen waren gerötet. Sie legte die Hand auf seine Stirn. Er schloss die Augen und lehnte sich unwillkürlich gegen ihre Hand. „Sie haben hohes Fieber. Am besten bleiben Sie im Bett. Ich stelle Ihnen ein Aspirin C hin und was ich sonst noch zu Hause finde. Geben Sie mir Ihre Handynummer, damit ich mich tagsüber erkundigen kann, ob Sie vielleicht einen Notarzt brauchen. „Mein Handy funktioniert nicht. Es ist gestern nass geworden“, meinte Simon resigniert und reichte es ihr. Tatsächlich, es erschienen nur vereinzelt Zeichen am Display, außerdem war es von innen beschlagen. „Bitte legen Sie sich hin, sie kippen ja fast vom Stuhl“, sagte sie. „Ich falle Ihnen viel zu sehr zur Last“, meinte er ehrlich. „Aber Blödsinn. Vielleicht schaffe ich es, in der Mittagspause nach Ihnen zu sehen.“ Martina war schon spät dran. „Schlafen Sie gut!“ rief sie noch.

 

Sonderbarerweise fiel ihr im Weggehen ein, wie bitter es für sie war, Julian in der Firma immer wieder zu begegnen. Heute aber machte es ihr nichts aus. Sie hatte das Gefühl, mütterliche Sorge zu hegen für diesen Simon Weiß, diesen zurückhaltenden Mann, der vor ihr geweint hatte, der mit Fieber in ihrem Gästezimmer lag und der – ja, das war es wohl, was sie plötzlich so für ihn einnahm – der schändlich verlassen worden war, so wie sie. Sie wollte herausfinden, warum es bei ihm dazu gekommen war. Vielleicht könnte sie dann besser verstehen, warum Julian sie so unerwartet verlassen hatte.

 

 

Die weiteren drei Kapitel dieser Geschichte ist unter dem Titel "Sichtbar nicht da" beim Verlag united p.c. erschienen, ISBN: 978-3-7103-1618-0 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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