Sichtbar nicht da

 

Gudrun fühlte sich den ganzen Tag schon flau. Kopfschmerzen, die sie sonst eigentlich nicht kannte, plagten sie von Stunde zu Stunde mehr. Die Arbeit erledigte sie nur noch mechanisch und in der U-Bahn beim Heimfahren bemerkte sie nichts mehr um sich herum. Als sie endlich die Wohnungstür aufsperrte, wusste sie nicht, wie sie überhaupt heim gekommen war. Sie streifte die Schuhe ab und verzichtete auf alle Rituale des Heimkommens wie Händewaschen, ein Glas Wasser trinken und ähnliche kleine Erledigungen. Stattdessen legte sie sich so wie sie war auf die Couch, warf sich die Tagesdecke über und schlief auf der Stelle ein.

 

Erholt und sehr leichtfüßig erwachte sie lange Zeit später. Sie streckte sich ausgiebig und blinzelte in die intensiven Sonnenstrahlen, die das ganze Zimmer erfüllten. Neugierig ging sie zum Fenster, denn eigentlich lag ihre Wohnung schattig. Noch nie hatte die Sonne so intensiv ins Zimmer gescheint. Es war taghell draußen, was Gudrun nun doch beunruhigte. Hatte sie sich nicht am Nachmittag gleich beim Heimkommen hingelegt? Eigentlich müsste sie demnach mitten in der Nacht oder im Morgengrauen erwachen. Wenn sie tatsächlich länger geschlafen haben sollte und es nun bereits mitten am Vormittag war, wäre sie unentschuldigt von der Arbeit fern geblieben. Ein Umstand, den sie sich nicht einmal vorstellen konnte, geschweige denn in die Tat umsetzen wollte.

 

Sie wollte auf die Uhr schauen, in der Firma anrufen, Nachrichten hören, sich irgendwie orientieren. Doch ihr Wille hielt sie mit unheimlicher, gleichzeitig aber auch kaum merklicher Macht davon ab. Es gelang ihr einfach nicht, dieses Vorhaben – und sei es auch nur auf die Uhr zu sehen – in die Tat umzusetzen. Wenn sie auf die Küchenuhr schaute, bemerkte sie plötzlich, dass da ein Bild fehlte, das sonst neben der Uhr hing. Wann hatte sie es weg gegeben? Sie wohnte allein in dieser kleinen Garconniere und hatte nie Besuch. Dann fiel ihr ein, dass sie die Firma anrufen wollte, als sie aber das Handy aus der Handtasche nehmen wollte, wurde sie von dem intensiven Licht abgelenkt, das so ungewohnt durchs Fenster schien.

 

Schließlich schlüpfte sie in die Schuhe, nahm die Handtasche und verließ die Wohnung. Das Sonnenlicht lockte sie zu sehr. Es fiel ihr gar nicht auf, dass sie nicht hungrig war, nicht geduscht hatte, keinen schalen Geschmack im Mund hatte, da sie nach dem tiefen langen Schlaf nicht einmal die Zähne geputzt hatte. Sie trat auf die Straße und fühlte sich so leicht und frei, als könne sie fliegen. Die Luft war frisch und irgendwie würzig duftend. Eine leichte Brise erfreute sie so sehr, dass sie hell auflachte. Beschwingt schlenderte sie am Gehsteig und betrachtete Tauben, Eichhörnchen vom nahen Park, Spatzen, die am Gehsteig nach Brösel pickten und zwei drei Katzen, die sich in der Sonne rekelten. Dass auf den Straßen keine Autos fuhren, fiel Gudrun nicht auf, dass nirgends Menschen zu sehen waren oder auch nur ein menschliches Geräusch zu vernehmen war, wurde ihr nicht bewusst, aber dass sie mitten in der Stadt auf einmal so viele Tiere beobachten konnte, fiel ihr angenehm auf.

 

Die ganze Geschichte erscheint demnächst beim Verlag United p.c.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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