TCHUS

 

Esther fühlte sich leicht, wenn auch etwas schwach. Seit Wochen hatte sie sich nur von Wasser und ab und zu einem halben Apfel ernährt. Zu Beginn hatte sich diese radikale Umstellung von Süßem, von Teigwaren und Wurstsemmeln auf diese schmale Kost als das absolute körperliche Hoch erwiesen. Esther hatte nicht nur in kurzer Zeit viel abgenommen, sie war auch schöner und straffer geworden. Mit dem geringeren Gewicht hatte sich eine ungeahnte Vitalität eingestellt. Waren sportliche Aktivitäten für sie sonst ein Gräuel, so wollte sie nun gar nicht mehr damit aufhören. Ihre Energie schien grenzenlos. Noch nie hatte sie sich jünger und frischer gefühlt. Es regnete Komplimente - endlich, denn die Siebzehnjährige hatte sich längst gefühlt wie eine ausgelaugte unattraktive alte Frau. Nun aber glaubte sie für sich den Stein der Weisen gefunden zu haben, nämlich im Fasten.

 

Sie fühlte sich wie ein neuer Mensch, wie ihr eigener personifizierter Wunschtraum. Endlich war sie schlank und fühlte sich auch so. Kaum zu essen bedeutete nicht einmal einen Verzicht, denn sehr bald nach Beginn des Radikalfastens stellte sich regelrechter Ekel gegen alles ein, was Esther zu sich nehmen wollte. Es kostete sie bereits Überwindung, auch nur einen einzigen Obstbissen herunterzuwürgen. Sie trank viel Wasser und betätigte sich sportlich - exzessiv, wie Freundinnen meinten, was sie nur noch mehr dazu anstachelte. Esther fühlte sich wohl in ihrem „neuen Körper“. Zwar beobachtete sie seit einiger Zeit Schwächeanfälle, Schwindelgefühle und ein flaues Gefühl im Magen, aber auch das gefiel ihr irgendwie, denn durch diese Schwäche fühlte sie sich wie schlaftrunken oder wie in Trance.

 

Es hatte lange gedauert, bis die Eltern merkten, dass Esther nicht nur schlanker, sondern auch krankhaft schwach geworden war. Doch auch sie wollten die Gefahr nicht wirklich wahrhaben, denn die zeitweilige Apathie und die Schwächeanfälle verstand Esther gut vor ihnen zu verbergen. Man schickte sie in den Sommerferien zur Oma aufs Land. Dort hatte sie schon immer den Großteil des Sommers verbracht, war gut Freund mit den Tieren und den Nachbarskindern, hielt sich gern im Wald auf und ging oft schwimmen. Nun, damit würde sich der Appetit wohl wieder einstellen, hofften die Eltern.

 

Oma war entsetzt über Esthers Aussehen. Esther allerdings war nach wie vor stolz auf die Leistung der verlorenen Kilos. Die Eltern erwähnten die Essstörungen ihres Kindes kaum, Oma hätte so etwas ohnehin nicht verstanden. Sie kannte Hunger aus dem Krieg und den Jahren danach, daher hätte sie freiwilliges Fasten nicht verstanden.

 

„Hast viel lernen müssen, nicht wahr? Bist ja ganz abgemagert, Kindchen. Aber wir päppeln dich schon wieder auf, wirst sehen!" munterte sie Esther auf und die Eltern vertrauten auf die gutgemeinten Worte. Sie verabschiedeten sich erleichtert. Esther lächelte verschmitzt in sich hinein. Die Tatsache, dass niemand wirklich die Tragweite dieses Fastens verstand, war für sie wie ein kostbares kleines Geheimnis, etwas, das nur ihr gehörte.

 

Die Tage vergingen. Esther döste gemütlich in der Sonne, half der Oma im Garten, aß ab und zu ein paar Himbeeren oder auch mal ein Radieschen und manchmal schlenderte sie im Wald umher, setzte sich aber immer wieder ins trockene Laub, ungeachtet der Insekten, die sie dann belästigten. Dass sie nicht mehr stundenlang unbekümmert im Wald spazieren gehen konnte wie früher, weil sie einfach zu schwach dazu war, erschreckte Esther nun doch. Die Freiheit im Wald ging ihr ab und sie ahnte, dass sich ihre Schwäche wie ein Gefängnis auswirkte. Doch die Gedanken vernebelten sich jedes Mal, wenn sie an diese Erkenntnis herankam. Einen Weg aus dieser Situation zu finden erschien ihr immer aussichtsloser. Sie fühlte sich benommen, wenn sie auch nur versuchte, darüber nachzudenken. Außerdem würde sie nie wieder diese Leichtigkeit, die schöne Magerkeit aufgeben wollen. Ihr Gesicht sah krank aus, die Augen eingefallen. Das Skelett zeichnete sich deutlich unter der Haut ab. Jegliches Gewand schlotterte grotesk an ihr, aber Esther dachte an ihre weichen Hüften von einst, an den Bauch und an den Fettring rund um den Magen und sie war zufrieden mit ihrem skelettartigen Aussehen.

 

Wieder einmal saß sie mitten im Wald, erschöpft von wenigen Schritten, und blickte auf das satte Grün in den Baumkronen. Plötzlich begann das Laub am Boden rund um sie zu rascheln. Es war, als würden sämtliche Käfer, Ameisen und Würmer des Waldes gleichzeitig aufbrechen, um aus dem Laub hervorzukriechen. Mit dem Rascheln einhergehend machte sich eine Stimmung breit, die Esther fast den Atem nahm. Es war eine Mischung aus Beklemmung und unnennbarem Staunen. Ehrfurcht mischte sich hinzu und Esther fühlte Tränen der Rührung in sich hochsteigen, ohne zu wissen warum. Ihr Herz raste. Sie war zutiefst beeindruckt von diesem unerwarteten Waldphänomen. Wie gelähmt saß sie staunend da. Schließlich begann ein Brausen in den Wipfeln wie von einem heftigen Sturm.

 

„Ah! Ein Gewitter kündigt sich an!“ dachte Esther erleichtert, denn sie hatte bereits angstvoll nach einer rationalen Erklärung dieser sonderbaren Ereignisse gesucht. Sie ahne dass ihre körperliche Schwäche auch die geistige Vitalität beeinträchtigen konnte. Davor hatte sie Angst. Also blickte sie empor und erwartete dunkle Wolken, eventuell erste erfrischende Regentropfen. Doch sie erstarrte vor Schreck. Der Sturm brauste, es toste im Wald, überall raschelte das Laub als würde es von unsichtbarer Hand durcheinandergewirbelt, aber kein Zweig rührte sich, die Wipfel standen wie erstarrt, es bewegte sich kein einziger Farn oder Grashalm. „Ich verlier den Verstand!“ dachte Esther in aufsteigender Panik.

 

 

Der Rest dieser Geschichte ist im Sammelband  „Sichtbar nicht da“ erschienen,

ISBN: 978-3-7103-1618-0 

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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