Unsichtbar da

 

Vernissage meines Freundes Albert. Es geht nicht nur darum, seine Bilder zu sehen, sondern vor allem auch darum, Persönlichkeiten zu sehen. Wer war gekommen, um ihm und seiner Kunst die Ehre zu erweisen? Wer zeigt sich hier, um damit ein Lob für den Künstler auszudrücken? Es ist die dritte Vernissage seit fünf Jahren, seit wir beide also liiert sind. Wie das klingt, liiert. Ich sage lieber, seit wir voreinander und vor allen, die es wissen wollen, bekennen, dass wir zusammen gehören. Alberts Bilder begeistern mich wirklich. So war ich überhaupt erst auf ihn als Person aufmerksam geworden. Diese Bilder hier aber stellen alles Bisherige in den Schatten, für mich jedenfalls. Es sind Bilder, als hätte Albert tief in meine Seele geblickt. Er verwendete diesmal nicht Öl auf Leinen, sondern Acryl mit viel Wasser auf Karton. Die Farbschattierungen vorwiegend grau, dunkles olivgrün, blaugrau, ab und zu ein Hauch von Ocker, selten etwas Rot, als Tupfer nur da und dort oder als zarter Streifen am Horizont, wenn es sich um Landschaftsbilder handelt. Sehr oft bin ich dabei Modell gesessen und ich wirke auf den Bildern wie ein Teil von dunstigem Nebel, verschwommen, nur angedeutet. Wenn ich diese Bilder betrachte, fühle ich mich selbst wie Nebel. Und ich fühle mich sehr wohl dabei.

 

Ich gehe von Bild zu Bild, lächle Bekannten zu, grüße da und dort, plaudere ein bisschen mit Kaufinteressierten, lächle immer wieder Albert zu, der so souverän und umwerfend attraktiv agiert, obwohl ich weiß, wie nervös er in Wirklichkeit ist. Mehrmals hatte er mir versichert, dass er ohne meine Anwesenheit keine derartige Veranstaltung aushalten könne. Auch wenn es ihm niemand ansieht, weiß ich doch, wie schüchtern und introvertiert Albert in Wirklichkeit ist. Ich liebe und begehre ihn immer, besonders aber spüre ich das nun. Er sieht toll aus im Anzug, geht auf Fragen ein, erklärt seine Bilder, gibt Autogramme und wirkt unglaublich selbstbewusst. Er ist es auch, doch vor allem was seine Kunst und seine Seelentiefe anbelangt. Der Umgang mit Menschen ist nicht ganz sein Ding. Wenn es nach ihm ginge, würden wir irgendwo abgeschieden leben, nur wir zwei. Mir wäre das auch recht, denn ich liebe ihn so sehr! Mehr, als ich es mit Worten sagen kann, mehr, als irgendetwas oder irgendjemanden sonst auf dieser Welt. Manchmal glaube ich sogar, ich kann diese Welt und mich und das Leben nur lieben, weil es ihn gibt. Ob ich ihn damit zu sehr auf einen Sockel hebe? Vielleicht. Er tut es ja auch mit mir. Wir lieben einander und ich glaube, das würde sich nicht ändern, wenn es zwischen uns zu einer Trennung kommen sollte, sei es durch den Tod oder durch das Auftauchen einer anderen Frau in seinem Leben, die ihn von mir ablenken sollte. Ich würde ihn auch dann noch immer lieben, wenn es auch in meinem Leben je einen anderen Mann geben sollte. Albert ist meine Liebe und mein Glück und mein größter Wunsch ist es, dass er glücklich ist, dass er nie allein ist.

 

Wieder stehe ich vor meinem Lieblingsbild. Es zeigt mich an einer Quelle sitzend, umgeben von angedeuteten Bäumen. Alles ist schemenhaft dargestellt und besteht eigentlich nur aus wenigen Strichen, Nebel regiert das Bild. Ich versinke darin, spüre die zarte Feuchtigkeit des Nebels auf meinen Wangen, leise plätschert die Quelle, ein zarter Luftzug bewegt die Blätter der Bäume und spielt mit meinem Haar. Hier sitze ich und denke glücklich an Albert, der dieses Bild erschaffen hat, weil er die Schönheit darin erkannte. Ich atme tief ein und wieder aus.

 

Da bin ich in seinen Augen, in seinem Geist. Sein Lächeln zeigt, dass er mich in sich spürt und meine innigste Gegenwart. Er plaudert lockerer als zuvor mit seinem Gesprächspartner und erzählt von dem Bild, das dieser gerne erwerben möchte. Ich schaue mit Alberts Augen und er schaut mit meinen. Dann gleite ich in dieses Bild hinein und liege wieder da wie damals. Es war ganz spontan entstanden nach zärtlichen gemeinsamen Augenblicken. Albert hatte sich aus unserer Umarmung gelöst und mich gebeten, auf dem Bett liegen zu bleiben. Dann hatte er Pinsel und Farben über den Karton tanzen lassen, ein paar Minuten nur, bis ich mich im Bild wiedergefunden hatte, hingebreitet, entspannt lächelnd auf den Laken. Auch hier wieder: Schleier, Licht und Schattenspiel, ich als Person nur schemenhaft und doch spürt man Sinnlichkeit und Wohlsein beim Anblick dieses Bildes. Ich spüre noch Alberts Küsse auf meiner Haut, seine Umarmung, sein Hingegeben Sein in der Vereinigung. Vom Bild her lächle ich meinem Geliebten zu. Er lächelt glücklich zurück.

 

Zwanzig Bilder, zwanzig Welten, tausend Leben in einem Leben. Überall bin ich wie Luft und wie Nebel. Überall finde ich ihn, wie das Sonnenlicht, wie trauliche Dunkelheit nachts. Ich bin da und überall, bin in unserem Gestern, im Jetzt der Vernissage und im Morgen der Zweisamkeit. Man bemerkt mich nicht wirklich und das ist gut so. Ich bin! Das ist viel mehr als punktuelles Bemerkt Werden. Dieses Sein und dieses zu dem Geliebten gehören ist es, was Leben für mich ausmacht. Auch Albert wirkt nicht wie der Mittelpunkt dieser Veranstaltung, nicht einmal die Bilder sind ein Mittelpunkt hier. Zentrum ist das Leben, von dem sie erzählen und sie gehen so sehr in die Tiefe unserer Zweisamkeit und unseres Erlebens, dass Ewigkeit und das ganze Universum präsent sind in dieser Schau, Acryl auf Karton.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

Fotos:

 

Mit freundlicher

Genehmigung

Pfarre Breitensee,

 

1140 Wien 

 

www.pfarre-breitensee.at  

 

Alle Texte und Grafiken

sind urheberrechtlich

geschützt

Copyright

Karoline Toso

 

FOTOS:

Copyright

Mag. Georg Fröschl,

Pfarre Breitensee

1140 Wien