Büchse der Pandora

 

Die Büchse der Pandora hielt er in der Hand,

seine eigene, ganz persönliche Büchse,

gefüllt mit versteckten Sehnsüchten,

mit Gefühlen, die nach draußen drängten.

Stumm reichte er sie mir.

Ich öffnete sie neugierig,

blickte ihm dabei in die Augen.

Alle Wasser aller Flüsse strömten mir

aus seinem Inneren entgegen.

Alle Stürme dieser Welt

brausten durch mein Herz.

Alle Sterne schöner Nächte

fielen als Goldtaler auf uns herab.

 

Deine Büchse, Lieber,

die du mir gereicht hast,

sie löst den Beginn einer neuen Zeit aus.

Du, mein Freund der süßen Liebe,

mein Freund des tiefen Glaubens,

mein Freund der sanften Treue,

du hast den Sturm entfacht,

mit mir den Sturm, der Altes wegfegt,

der Neues bringt.

 

Dieses Gedicht war Kathrinas Irrtum

 

Zombies

 

Tristan und Isolde fanden sich, Romeo und Julia überlebten. Sie hießen in dieser Zeit, in diesem Märchen, Wolfram und Kathrina. Wolfram war früh schon in Gefangenschaft geraten, hatte aber fliehen können und Heimat gefunden bei frommen Mönchen. Diese ließen ihn die bangen Jahre vergessen, die er im Kellerverlies des Feindes zugebracht hatte. Not und Einsamkeit hatten sein Herz geöffnet für die Not anderer, hatten ihn Nachsicht und Sanftmut gelehrt. Und die Vorschriften und Regeln der Mönche boten ihm Sicherheit, Geborgenheit und Schutz. So wurde er ein eifriger Schüler der Heilslehren, ein gehorsamer Diener Gottes, ein geduldiger Seelsorger und Eingeweihter, als er schließlich erwachsen war. Oft dankte er Gott für die Rettung aus dem Verlies, für die Fürsorge der Mönche, die ihn das Heilswort lehrten, ihn zum Verkünder des Heils erzogen. Manchmal in Träumen erlebte er aber ein Fallen, eine Finsternis und Leere, eine Verlassenheit, die schmerzte. Erwachen war dann Erlösung, Gebete waren dann Befreiung von solch düsteren Stimmungen.

 

Anders war es Kathrina ergangen. Als Tochter eines Seiltänzers und Mitglied fahrender Gaukler hatte sie viel von der Welt gesehen, viel erlebt und oft Gelegenheit gehabt, hinter die Kulissen der Menschen zu schauen. Ihre Lebendigkeit, ihre Fröhlichkeit und ihr keckes Auftreten waren die heimlichen Schutzmauern, hinter denen sich das scheue und Ruhe bedürftige Reh, das ihre Seele war, geschickt verbergen konnte. Mit ihrem unübersehbar selbstsicheren Auftreten hatte sie allein die Zügel in der Hand. Jeder sah ihre Kulisse, niemand vermutete dahinter den tiefen Ozean des seligen Alleinseins.

 

Eine innere Entzündung Wolframs und ein Beinbruch Kathrinas brachten sie ins selbe Krankenhaus. Verschieden wie Tag und Nacht fanden sie dennoch Gefallen aneinander, vielleicht aber gerade wegen der starken Gegensätze. Viele Zufälle hatten sie so oft zusammengeführt, bis sie schließlich bemerkten, dass sie solche Treffen wollten, ja, ersehnten. Sehr bald fanden sich ihre Blicke, ihr Lächeln. Tausend Themen fanden sie, erzählten einander ihr Leben, entwickelten Zuneigung füreinander. Wolfram erkannte jetzt erst so richtig, wie einsam sein Herz war, trotz aller Glaubenstiefe, denn eine Frau zu lieben hatte er noch nie erfahren. Sich als Mann zu fühlen, war ihm auch noch nie in den Sinn gekommen. Nun erlebte er beides im Übermaß und durfte das süße Glück kosten, seine zärtliche Leidenschaft erwidert zu erleben.

 

Kathrina hatte viele Männer schon gelockt, erobert, gekostet. Sie hatte sich von mehreren Männern schon benutzt, verzweckt oder missachtet gefühlt. Ihr Sehnen war groß, das Ziel dieser Sehnsucht aber immer unklar gewesen. Nun hatte sie dieses Ziel so unerwartet gefunden in der unschuldigen Liebe dieses Mönchs, der noch nie wahre Lebendigkeit erfahren hatte. Sie war angekommen in dieser Liebe und erfuhr dadurch Frieden. Zu allem wäre sie bereit für diese Liebe, für Wolfram. Immer wieder hatte er ihr beteuert, dass er nun erst das Leben richtig verstand, da er sie liebte. Beim ersten Kuss war ihm, als sei er neu geboren, rein und glücklich, aber auch hilflos, wie eben ein Neugeborenes. Für Kathrina war dieser Kuss wie das Eintauchen in Jungfräulichkeit, wie die Reinheit, die nur das Gute will für den Geliebten und für die ganze Welt.

 

Beide wurden gesund an Geist, Herz und Seele. Beide wurden auch körperlich gesund, so kam es zum Abschied. Für Liebende aber gibt es keine wirkliche Entfernung, denn sie blieben in Kontakt, empfanden des anderen beglückende Gegenwart in jeder Sekunde des Tages. Sie schrieben einander lange Briefe. Kathrina verkündete allen Gauklern und Verwandten, dass sie nun den Mann fürs Leben gefunden habe und damit glücklich sei. Die Verwunderung war groß, vor allem als man erfuhr, dass es sich bei dem Geliebten um einen Mönch handelte. Man prophezeite ihr keine lange Dauer dieser Liebe. Sie aber wusste es besser.

 

Wolfram hingegen verkündete nichts dergleichen, glücklich trug er die Gedanken an die Geliebte in seinem Herzen, schrieb sehnsuchtsvolle Briefe und wurde fast krank, da er Kathrina nicht umarmen konnte, nicht küssen, nicht einmal sehen. Die Gebete, Lieder, Gottesdienste gemahnten ihn indessen, seine Berufung nicht zu missachten, seine Keuschheit nicht zu verletzen. Kathrina antwortete heiter auf solche Bedenken, denn für sie gab es keine Schranken in der Liebe, wie für ihn. Schließlich ertrug Wolfram das Doppelspiel nicht länger und vertraute sich einem Mitbruder an. Dieser gab ihm gleich im Vorhinein die Vergebung aller in Wollust begangenen Sünden, zeigte sich verständnisvoll und war dem verwirrten Wolfram nicht gram. Allerdings verbot er strikt jeglichen weiteren Kontakt mit jener Person, die solche Sünden provozierte. Kleinlaut teilte Wolfram Kathrina mit, dass jeder weitere Kontakt nun zu unterbleiben habe, dass er sie jedoch in guter Erinnerung behalten wolle.

 

Was für ein kranker Blödsinn!“, dachte Kathrina, schrieb ihm das auch, schrieb von ihrer Sehnsucht und Enttäuschung. Keine Antwort kam für lange Zeit. Als sie ihn endlich als verloren (fast hätte ich jetzt verlogen geschrieben!!!) betrachtete, schrieb sie ein letztes Mal, um ihn endgültig zu verabschieden. In den vielen Wochen der sogenannten Funkstille jedoch war Wolfram leer, unruhig, traurig geworden. Kathrins Liebe fehlte ihm so sehr, wie das Wasser, wie das Brot, wie Licht und Wärme. Sobald er ihre Zeilen las, antwortete er sofort mit tausend Liebesschwüren und dem Bekenntnis, dass er nun einsehe, dass auch ein Mönch ein liebes Du im Leben brauche. „Ein Geschenk Gottes bist du in meinem Leben, du edelst meine Berufung, denn es ist nicht wahr, dass du sie gefährdest, im Gegenteil!“ Solche lieben Worte schrieb er ihr immer wieder.

 

Kathrina war überglücklich, beglückwünschte sich zu ihrer Geduld, die nun doch Frucht hervorbrachte, da der Geliebte einsah, wie segensreich die Liebe war. Wieder schrieben sie einander, wieder waren sie so froh miteinander. Die Liebe machte die Entfernung erträglich, denn ihrer beider Herzen waren ja vereint. Einige Zeit später jedoch holte Wolfram das Bibelwort ein, man müsse ganze Hingabe leben, wolle man dem Herrn folgen. Wem sollte er nun treu sein, Kathrina oder dem Heiland? Beides war nicht möglich in seinem Denken. Nach einigem schmerzlichen Hin und Her schrieb er ihr den Abschiedsbrief. Was auch immer sie ihm antwortete, er reagierte nicht mehr darauf. Die Gauklertruppe hatte inzwischen schon verschiedene Mönchswitze auf Lager, die sie Kathrina lachend unter die Nase rieben. Es war ihnen ganz recht, dass sie wieder „normal“ wurde, nach ihrem Weltbild eben, und nicht einem farblosen unerfahrenen Mönchlein ihre kostbare Liebe schenkte, die ja so manch anderer für sich gerne in Anspruch nehmen wollte. Kathrina war verletzt, gekränkt, verwirrt. Bald gab sie es auf, je wieder eine Antwort von dem Wortbrüchigen zu erwarten.

 

Wieder vergingen Wochen, Kathrinas Leben war ausgefüllt und bunt. Sie dachte kaum mehr an Wolfram. Dann fand sie unverhofft einen Spruch, der zu ihm passte: „Finde dein Herz, dann findest du die Welt“. Sie schickte ihm ohne jeglichen weiteren Kommentar diese Worte. Weder wollte sie ihn damit wiedergewinnen, noch ihre eigene Treue unter Beweis stellen. Sie wollte ihm einfach den Spruch senden, weil er zu ihm passte. Als dann doch seine Antwort kam, war sie überrascht und vorsichtig skeptisch. Sein Dank für ihre kurze Nachricht, seine Freude und das erneute Bekenntnis, wie unglücklich und trostlos sein Leben ohne sie sei, überzeugten sie aufs Neue. Wieder begann der zärtliche, sehnsuchtsvolle Austausch, die beglückenden Liebesschwüre, die beidseitige Freude darüber, einander lieben zu können. Zwei Wochen reinen Glücks für beide.

 

Wolfram hatte dennoch manchmal das Gefühl, seinem Gelübde gegenüber, den Mitbrüdern gegenüber und vor allem Gott gegenüber untreu zu sein. Diese Zweifel wollte er mit Kathrina besprechen. Sie sprang vor Freude bei dem Gedanken, seine Stimme zu hören, mit ihm auszutauschen. Dann wartete sie drei Stunden lang, Tage lang, doch Wochen nicht, denn nach drei Tagen wusste sie, dass auf Wolfram wieder kein Verlass war. Was war es, dass er ihr Liebe schwören konnte und dann doch so sehr kränkte mit dieser stummen Abkehr, die sie im Ungewissen zurück ließ?

 

Wolfram hatte sich vor dem Gespräch mit Kathrina einer frommen Frau anvertraut und um Rat gebeten. Diese war nicht erfreut über den Mönch mit seinen unkeuschen Gedanken, zeigte ihm aber ihr verständnisvollstes Gesicht, wollte ihn nicht erschrecken, nicht tadeln. Vor der unseligen Verführerin aber warnte sie ihn eindringlich. Jeglicher Kontakt solle sofort unterbleiben, wolle er sein Seelenheil noch retten. So unterließ er folgsam jeglichen Kontakt zu seiner Liebe. Er ließ sie ohne weitere Erklärung stehen. Kathrina indessen erforschte ihr Herz, auch sie suchte Hilfe bei anderen, suchte Hilfe in der Stille, in der Natur, in Gesprächen mit verschiedenen Personen ihres Umfeldes. Diese Zeit der Enttäuschung war für sie wie eine Wanderung ins Innere eines Labyrinths. Sie fand die Mitte, fand ihre Mitte, fand Frieden darin. Alle ihre Begegnungen wurden von diesem Frieden überstrahlt. „Armer Wolfram, wie sehr du vor dir fliehst“, dachte sie. Es wurde ihr aber auch bewusst, wie oft die Liebe in den heiligen Texten der Frommen zu finden war und wie selten in deren Leben.

 

Es gab ein Fest für diese Glaubensgemeinschaft. Da Kathrina nun mit sich und Wolfram im Frieden war, sandte sie ihm anlässlich dieses Festes ein paar freundliche Zeilen, ohne dabei etwas von ihm zu erwarten. Postwendend kam aber wieder ein langer inniger Brief von ihm. Er hatte kurz zuvor ein bestimmtes Christusbild in der Kirche eines fernen Landes erblickt. Fernab der Heimat auf Reisen hatte er es gesehen, es war das Bild, das sie ihm als kleine Kopie damals im Spital geschenkt hatte. Dieses Bild hatte sein Herz bis ins Tiefste erschüttert, hatte ihn aufgeweckt, ihm gezeigt, dass der wahre Dienst für Gott keine Angst vor Liebe schürt, sondern sie in reifer Freiheit fördert, um dann für alle Menschen auszustrahlen. Doch nach seinem kränkenden Schweigen hatte er es nicht mehr gewagt, ihr zu schreiben. Täglich betete er darum, den Kontakt zu ihr, zu seiner Kathrina, wieder zu gewinnen. Nun war der Kontakt wieder hergestellt, welche Freude!

 

Und es war jetzt wirklich ein neuer Kontakt mit neuen Erkenntnissen. In jenem Land hatte sich Wolfram einem Priester anvertraut, hatte von seiner Liebeserfahrung erzählt und hatte endlich Verständnis gefunden. „Ich beglückwünsche dich!“, hatte der Priester gesagt. „Es ist wertvoll, eine so verständnisvolle Freundin zu haben.“ Kathrina war erstaunt, sehr skeptisch, schließlich aber wieder voller Freude. Hatte Wolfram nun endlich den Wert ihrer Freundschaft erkannt? Mit jedem Brief, mit jedem Gespräch vertraute sie ihm mehr. Nun war er also doch ihr Herzens-Du, ihre Ergänzung, ihre wahre Liebe. Sie schrieben einander täglich, plauderten wöchentlich, bekannten einander Liebe und Treue. Wolfram wiederholte immer wieder, dass er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnte. Und jener Priester solle sein geistlicher Begleiter sein, solle ihrer beider Liebe begleiten, damit sie Gott gefällig sei. Sie fand das gut, denn gute Gespräche hielt sie für sehr wichtig. Hatte sie doch selbst liebe Freundinnen, denen sie blind vertrauen konnte.

 

Wieder stand so ein priesterliches Gespräch für Wolfram vor der Tür. Er freute sich darauf und sie auch, sie wünschte ihm eine tiefe schöne Begegnung, richtete unbekannter weise Grüße für jenen Priester aus und freute sich auf Wolframs Bericht darüber. Der Priester aber hatte zunächst Wolfram dazu gratuliert, solch eine Erfahrung überhaupt gemacht zu haben, nicht aber dazu, sie weiterhin zu machen. Ganz selbstverständlich setzte er voraus, dass Wolfram jeglichen Kontakt zu seiner Liebe abbrechen werde, allerdings mit der „modernen“ Auffassung, dass die Erinnerung an diese Liebe ein wertvoller Schritt in Wolframs Leben sei. So verabschiedete er sich wieder einmal von Kathrina, diesmal schriftlich und sogar auch mündlich.

 

Kathrina war zunächst ganz leer. Sie war so überrascht, dass sie gar nichts empfinden konnten, keinen Schmerz, keinen Ärger, keine Kränkung. Ihre Liebe war zu Eis gefroren. Doch sie schaute hinter die Kulissen, wie so oft zuvor. Was sie sah, war vielleicht von der unbewussten Kränkung eingefärbt, vielleicht nur Interpretation, vielleicht aber auch ein Stück Wahrheit. Sie sah ein Zombiedasein in Wolframs Herz, sie sah es in den Priestern und anderen dieser Glaubensgruppe. Sie sah es in der Geschichte dieser Leute und sie gruselte sich sehr.

 

Zombies sollte man meiden.

 

 

Stattdessen

 

Ein liebes Wort brauchte die Freundin.

Stattdessen betete der Freund innig für sie.

Eine Umarmung hätte beiden gut getan.

Stattdessen verehrte der Freund

das Bildnis der Jungfrau Maria.

Ein neuer Lebensstart wäre heilsam gewesen.

Stattdessen vertiefte sich der Freund nur umso mehr

in Anbetung, in Stille und Rückzug.

 

Da gab es einen, der betete und dichtete,

er stand den Armen bei, teilte ihr Leben.

Da gab es eine, die betete und dichtete,

sie nahm den Karren und wanderte mit den Ihren,

um Neues zu gründen.

Da gab es einen, der betete und dichtete.

Er starb für einen anderen, da sein Leben erfüllt war

inmitten schlimmster Not.

 

Die Kirche erneuern, den Glauben ansteckend leben

geht in der stillen Offenheit für Gottes Gegenwart,

für das Gebet, das Dichten, Handeln und Begegnen,

ohne Angst begegnen.

 

 

Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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